Andreas Reckwitz: Risikopolitik

Die Politik in der Corona-Krise wurde h√§ufig als Politik des ‚ÄöAusnahmezustands‚Äė deklariert. In seiner Pr√§sentation geht es Andreas Reckwitz im Gegensatz darum, die Corona-Politik als Beispiel f√ľr ein allgemeineres Muster moderner Politik zu interpretieren, einer ‚ÄöRisikopolitik‚Äė. Idealtypisch werden Strukturmerkmale und potenzielle Spannungsfelder von Risikopolitik herausgearbeitet. Die Corona-Politik k√∂nnte sich als Trainingsfeld f√ľr einen noch herausfordernden Fall von sp√§tmoderner Risikopolitik erweisen, jener im Umgang mit dem Klimawandel.

Moderation: Ellen von den Driesch

Roland Rau: Offene Fragen in der demographischen Mortalitätsforschung

Zweifellos ist die gegenw√§rtige Pandemie das weltweit einschneidenste Ereignis der letzten Jahrzehnte. Die √∂konomischen, sozialen, und psychologischen Folgen sind nur schwer zu prognostizieren. In seinem Beitrag erl√§utert Roland Rau aus Sicht eines Demographen, welche Fragen sich f√ľr die Mortalit√§tsforschung ergeben und welche Probleme es bei der Beantwortung geben wird. Dabei geht es um grunds√§tzliche Fragen, wie man den Einfluss auf die Mortalit√§t √ľberhaupt messen sollte, aber Beispielsweise auch um Fragen, welche Rolle die Altersstruktur spielt.

Moderation: Joshua Perleberg

Ruud Koopmans: Ein Virus, das keine Grenzen kennt? ‚Äď Reiseverkehr, Einreisebeschr√§nkungen und die internationale Verbreitung von COVID-19

‚ÄěAbriegelung ist naiv, das Virus wird trotzdem kommen‚Äú, so klang es lange von Seiten der WHO, der EU und der Verantwortlichen in Deutschland. W√§hrenddessen schlossen bereits andere nationale Regierungen ihre Grenzen. Am 17. M√§rz folgte die Kehrtwende auch in der EU, als sie ein Einreiseverbot f√ľr Menschen aus Nicht-EU-L√§ndern verh√§ngte und Deutschland kurz darauf auch f√ľr Italiener*innen. Wer hatte nun Recht? Diejenigen, die Einreisebeschr√§nkungen ablehnten, oder die L√§nder, die sich fr√ľhzeitig dazu entschlossen? Die vorl√§ufigen empirischen Analysen von Ruud Koopmans legen nahe, dass der Glaube, das Virus sei nicht durch Grenzen zu bremsen, ein fataler Irrtum war.

Moderation: Melinda Erdmann

Martina Löw und Hubert Knoblauch: Die Corona-Krise und die Refiguration des Raumes

Die Umorganisation des gesellschaftlichen Lebens zum Schutz menschlicher K√∂rper hat tiefgreifende Folgen f√ľr die r√§umliche Struktur der Gesellschaft. Von der Schlie√üung von Geb√§uden, √∂ffentlichen Pl√§tzen, St√§dten und ganzen Staaten bis hin zu einer massiven Reduktion globaler Mobilit√§t.

In ihrem Vortrag diagnostizieren Martina L√∂w und Hubert Knoblauch einen Konflikt zwischen der Container-Logik des Nationalstaates und der Logik des Netzwerkraumes der Globalisierung und des Digitalen. Die derzeitige Dominanz nationaler Bew√§ltigungsstrategien fordert die Soziologie dabei epistemologisch heraus, etwa methodologischen Nationalismus zu vermeiden und transnationale Mobilit√§t zu ber√ľcksichtigen.

Weitere Informationen finden Sie auch im Blog des SFB 1265 “Re-Refiguration von R√§umen”.

Moderation: Jan Wetzel

Anna Henkel: Corona-Test f√ľr die Gesellschaft

Anna Henkel beleuchtet in Ihrem Vortrag den Umgang der moderne Gesellschaft mit der Corona-Krise. Die Gesellschaft steht immer vor der Herausforderung, sich mit den ihr zur Verf√ľgung stehenden (sozialen) Mitteln auf Gef√§hrdungen einzustellen. F√ľr die Gesellschaft sind √∂kologische, technologische oder erdsystemische Gef√§hrdungen r√§umlich und zeitlich oft fern. Eine in diesem Sinne ferne Pandemiegefahr ist mit Corona jedoch pl√∂tzlich ganz nah. Darin liegt aus Sicht der Soziologie f√ľr die Gesellschaft die Chance eines Stresstests.

Moderation: Joshua Perleberg

Katrin Auspurg: Fieberhafte Forschung ‚Äď Warum Forschung derzeit wenig verl√§sslich ist und was wir dagegen tun k√∂nnen

Der Beitrag von Katrin Auspurg nimmt eine Meta-Perspektive auf die Forschung ein. Derzeit gibt es aufgrund der Aussetzung √ľblicher Qualit√§tsstandards etliche Anzeichen f√ľr eine ineffiziente Wissenschaft. Viele Thesen entbehren transparenter Grundlagen; zahlreiche ad-hoc Surveys verletzen methodologische Grundregeln. Verzerrte Ergebnisse k√∂nnen aber zu falschen Schlussfolgerungen f√ľhren und die Wissenschaftsskepsis der Bev√∂lkerung mehren.

Der Beitrag pl√§diert daher f√ľr eine st√§rker analytisch-empirische Forschung, basierend auf den Prinzipien verl√§sslicher Sozialforschung. Damit sich verl√§ssliche gegen√ľber √ľberhasteter Forschung durchsetzen kann, erscheinen zudem √Ąnderungen der Anreizstrukturen erforderlich: Hin zu mehr Forschungskooperationen, zu mehr Transparenz und intersubjektiver Nachvollziehbarkeit.

Moderation: Joshua Perleberg

Andreas Diekmann: Soziale Normen. Prosoziales Verhalten in der Corona-Krise

In Krisensituationen m√ľssen Menschen umdenken. Ein kollektiver Lernprozess beginnt und neue Ordnungsmuster entstehen. Doch werden die neuen sozialen Normen auch befolgt? Eine genauere Analyse muss dem unterschiedlichen Charakter sozialer Normen Rechnung tragen.

Andreas Diekmann geht der Frage nach, unter welchen Bedingungen Regeln und soziale Normen der ‚Äěsozialen Distanzierung‚Äú, f√ľr das Tragen von Schutzmasken oder die Anwendung digitaler Technik zur Nachverfolgung von Infektionsketten akzeptiert und befolgt werden.

Moderation: Melinda Erdmann

Gabriele Klein und Katharina Liebsch: K√∂rper im ‚ÄěAusnahmezustand‚Äú

In ihrem Vortrag gehen Gabriele Klein und Katharina Liebsch aus k√∂rpersoziologischer Perspektive Fragen nach dem Ablauf und dem Vollzug der gegenw√§rtigen Ver√§nderungen durch die Corona-Pandemie nach. In der Bek√§mpfung der Pandemie wurden zahlreiche K√∂rperpraktiken f√ľr hochgradig ansteckend und damit f√ľr gef√§hrlich erkl√§rt. Damit werden auch leibliche Erfahrungen neu klassifiziert ‚Äď und dies, so ist zu vermuten, nicht nur in Zeiten der akuten und Monate dauernden Krisenbek√§mpfung, sondern auch mit nachhaltigen Folgen.

Daher wird in diesem Vortrag folgenden Fragen nachgegangen: Welche Neu-Klassifikationen der Körper entstehen mit den neuen Ge- und Verboten körperlicher Begegnung? Wie werden diese legitimiert? Wie integrieren Individuen diese in ihren Alltag?

Moderation: Joshua Perleberg

Michaela Kreyenfeld: Corona, Krise und Geburten

Die Demografie beschäftigt in der Corona-Krise bisher vor allem die Frage der Sterblichkeit. Doch welche Auswirkungen sind auf die Geburtenzahlen zu erwarten? In ihrem Vortrag gab Michaela Kreyenfeld einige erste Antworten darauf.

Da es selbstverständlich noch keine Daten dazu gibt, hilft ein Blick in die Geschichte. Lange galt, dass nur langfristige Entwicklungen wie die Frauenemanzipation und Wertewandel auf die Fertilität wirken, nicht aber Wirtschaftskrisen. Dieser Blick hat sich inzwischen gewandelt. Wirtschaftliche Not kann, wie Kreyenfeld zeigt, die Geburtenzahlen beeinflussen. Gleichzeitig beeinflusst sie den familienpolitischen Spielraum, positiv darauf einzuwirken.

Moderation: Jan Wetzel

Stefan Liebig und Simon K√ľhne: Die Corona-Pandemie als kritisches Ereignis im Lebensverlauf ‚Äď Design und erste Ergebnisse der SOEP-CoV-Studie

Stefan Liebig und Simon K√ľhne gehen in ihrem Vortrag der Frage nach, inwiefern die Pandemie auf soziale Ungleichheitsstrukturen trifft. Informationen hierzu wurden in einer Zusatzerhebung des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) gesammelt. Liebig und K√ľhne berichten in ihrem Vortrag erste vorl√§ufige Ergebnisse aus der Befragung und zeigen auf, warum die l√§ngsschnittliche Forschungsperspektive des SOEP insbesondere auch f√ľr die politische Steuerung in der aktuellen Krise entscheidend sein kann.

Moderation: Ellen von den Driesch