Soziologische Perspektiven auf die Corona-Krise – coronasoziologie.blog.wzb.eu

Transkript: Angelika Schwarz: Social Distancing – Geschichte und Gegenwart einer Berührungsökonomie

ACHTUNG: Das Transkript wird automatisch durch wit.ai erstellt und aus zeitlichen Gründen NICHT korrigiert. Fehler bitten wir deshalb zu entschuldigen.


Jan Gehrmann
Und damit herzlich willkommen zur neuen Ausgabe unseres Podcasts zur soziologischen Perspektiven auf die Corona-Krise.
Mein Name ist Jan Germann, ich bin Mitarbeiter im Institut für Soziologie der LMU München und organisiere das digitale Cologie mit,
In dem Vortrag vom vierten August zweitausendeinundzwanzig beschäftigte sich Angelika Schwarz mit der sozialen Distanz ein inhaltlicher wie methodischer Hinsicht.
Ziel des Vortrags war es sich diesem Thema ein historisch Absicht zu nähern und das Verhältnis von Nähe und Distanz als Kulturtechnik zu rekonstruieren. Und nun viel Spaß mit dem Vortrag von Angelika Schwarz.
Angelika Schwarz
Soziologische Perspektive auf die Coronakrise, die ich ihnen heute vorstellen möchte, beschäftigt sich mit der sozialen Distanz. In inhaltlicher wie methodischer Hinsicht,
Zum einen geht es da natürlich um die Formel des Social Distancing, also verschiedene Maßnahmen der Abstandswahrung, die den pandemischen Alltag grade in seinen ersten Monaten dominiert haben.
Zum anderen möchte ich diesem Thema in historischer Absicht begegnen und nehme dadurch gewissermaßen selbst Distanz von der Vereinnahmung dieses Begriffs durch die Gegenwart.
Mein Material liefert mir die Geschichtsschreibung, insbesondere die Dokumentation der Regulierungsweisen von Nähe und Distanz aus hygienischen Beweggründen.
Hygiene begreife ich dabei als Ensemble von Techniken zu Krankheitsprävention.
Ich richte den Blick auf vergangene Epochen, um aus vergleichbaren Konstellationen eine neue Beobachtungsperspektive auf unsere Situation zu bergen.
Damit möchte ich eine Sichtweise parieren, welche die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft als Geschichte von Seuchenbekämpfung deutet.
These, die in den einschlägigen Publikationen zur Seuchengeschichte oftmals zu finden ist. Grob para fhrisiert auch in dem jüngst erschienenen monumentalen Werk Epidemics in Society von Frank M Snowden.
Ansteckungsangst und Berührungsvermeidung sind zwar wiederkehrende Momente. Jeder virologischen Notstandssituation, doch gelangen sie erst in Verbindung mit bestimmten kulturellen Formationen zu besonderer Wirksamkeit,
schlussendlich möchte ich zeigen, dass die Fähigkeit zur Distanznahme nicht allein das Produkt einer hygienischen Krisenbewältigung ist,
sondern ein längerfristigen Umbau der Verhaltensstandards aufgreift, der bereits vor der Epidemie, also auch vor Corona im Gange war.
Corona erscheint damit weniger als Zäsur, denn als Fortsetzung von Übungseinheiten in Distanzkommunikation.
Ethymologie des Wortes Kontakt verweist auf das lateinische Kontingere, was sowohl Berühren wie anstecken bedeuten kann.
Dennoch stellt diese Erkenntnis, dass die physische Co-Präsenz von Körpern oder der Atem des anderen ein Gesundheitsrisiko darstellen könnte, keine Selbstverständlichkeit dar.
Dazu lohnt ein weiter Sprung in die Vergangenheit.
Soziologe Reinhard Blohmert hat in diesem Zusammenhang auf eine Szene aus einem deutschen Gasthaus im sechzehnten Jahrhundert verwiesen, die Erasmus von Rotterdam festgehalten hat. Zitat,
achtzig bis neunzig Menschen sitzen beieinander, niederes Volk, neben reichen und Edelleuten, Männer, Frauen und Kinder, alles durcheinander.
Verrichtet, was sie notwendig erscheint. Knoblauchdüfte und andere intensive Gerüche steigen auf. Überall wird hineingespuckt,
Einer reinigt seine Stiefel auf dem Tisch, dann wird aufgetragen.
Taucht sein Brot in die allgemeine Suppe, weist ab und von neuem. Der Raum ist überheizt, alles schwitzt und dünstet und wischt den Schweiß ab.
In einer Zeit, in welcher der Gastronomische Betrieb im Lichte seiner Ansteckungsgefahren thematisiert wird,
Und wie die Geschichte eines Mitarbeiters kennen, der seinen Kollegen durch das Reichen eines Salzstreuers infiziert habe, wirkt diese Begebenheit aus der frühen Neuzeit wie ein verheerendes Super-Trading-Event.
Hygienisch fragwürdig lassen sich diese Szenen vor allem deswegen aus, da hier ein Körperbild vorherrscht, vor dessen Hintergrund Distanzvorschriften kaum durchsetzbar gewesen wären.
Gemeinschaftliche Essen aus einer Schüssel oder die öffentliche Verrichtung des Schnäuzens, Spuckens und Hustens hat wenig mit den zivilisierten Verhaltensstandards zu tun, die wir heute aus hygienischen Gründen unseren Mitmenschen entgegenbringen.
Gab es ein starkes Bewusstsein für symbolische Differenzierungen zwischen den einzelnen Ständen, jedoch war das Verhältnis des einzelnen Körpers zu seiner Umwelt noch ein weitaus durchlässigeres, als es heute angenommen wird.
Der Körper einer porösen Zirkulationszone ständig durchflutet von Ausdünstungen und Säften aus der Umgebung.
Auch die Gäste im besagten Wirtshaus scheuen sich kein bisschen vor intensiven physiologischen Wechselwirkungen mit ihren Tischgenossen.
Es herrscht ein wildes Durcheinander von Berührungen, Gerüchen und der Vermischung von Körperflüssigkeiten.
Zurückhaltung der Produkte des eigenen Körpers zum gesundheitlichen Wohle der Allgemeinheit ist eine Verhaltensanforderung, die erst später mit dem Prozess der Zivilisation einsetzt.
Da verankert sich die Vorstellung die Nähe von Körpern als Gefahrenquelle wahrzunehmen.
Ähnlichkeiten mit unserer Gegenwart lassen sich da eher berichten aus dem achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert entnehmen, in dem bereits eine völlig andere Berührungsökonomie etabliert ist.
Der Historiker hat in seiner Geschichte der Wahrnehmung, Pestau und Blütenduft, das Material zusammengetragen, an dem sich zeigen lässt, wie die Zeitgenossen des achtzehnten Jahrhunderts plötzlich die Luft als Gesundheitsrisiko erkennen.
Handelt es sich dort vornehmlich um den Kampf gegen üble Gerüche, den Gestank der Kloaken oder den Unrat auf den Straßen,
und doch schärft sich in den Gesundheitsreformen der damaligen Zeit das Problembewusstsein für Luftqualität und Ansteckung, die uns auch heute bekannt vorkommen müssen.
Wird der gefährlichen Nähe von körperlichen Auswürfen und erstmals der Kampf angesagt.
Auseinanderrücken, Luft schaffen, desinfizieren lautet der damalige Maßnahmenkatalog im Social Distancing, der auf einen gänzlich anderen Umgang mit Körpern und eine neue, hygienische Sensibilität reagiert.
Es waren bürgerliche Akteure, die sich in der Hygienepolitik des neunzehnten Jahrhunderts hervortaten und schnell darin einig waren, dass die Hauptursache für Infektionskrankheiten in der übermäßigen Zusammenhäufung von Menschen zu lokalisieren ist.
So gerät die Stadt, mit dem ihr eigenen Menschen gedränge auf überfüllten, öffentlichen Plätzen zum Zielort der hygienischen Intervention.
Neue Infrastrukturen sollen die hohe Berührungsfrequenz sowie die Wechselwirkung fremder Körper durch das Übertragungsmedium der Luft auf engem Raum minimieren.
Dass diese schon längst zum Problemfall geraten ist, kann man zu Kursbeschreibungen in seiner Geschichte der Mentalität zu den städtebaulichen Maßnahmen des neunzehnten Jahrhunderts entnehmen, die gegen die enge und Dichte der Stadt vorgehen. Zitat,
Erstens, die Hygiene, das Durchlüften all diese Eitersäcke aus den beengten Vierteln hervorholen, in denen sich Mobile Miasmen ansammelten und die Bewohner zu sehr eingepfercht waren.
Masse und Ansteckungen fallen fortan also zusammen.
Für den Arzt und Hygieniker Christoph Wilhelm Hufeland ist daher die Vermeidung der Masse eine der wichtigsten, lebensverlängerten Maßnahmen um die Jahrhundertwende. Er schreibt.
Zitat, eines der größten Verkürzungsmittel des menschlichen Lebens ist, das Zusammenwohnen der Menschen in großen Städten.
Hat vollkommen recht, wenn er sagt, der Mensch ist unter allen Tieren am wenigsten dazu gemacht, in großen Haufen zusammenzuleben. Sein Atem ist tödlich für seine Mitgeschöpfe,
Man kann höchstens viermal die nämliche Luft einatmen, so wird sie durch den Menschen selbst aus dem schönsten Erhaltungsmittel des Lebens in das tödlichste Gift verwandelt.
Nun denke man sich die Luft an einem so ungeheuren Orte, hier ist es physisch unmöglich, dass einer, der in der Mitte wohnt, einen Atemzug von Luft tun sollte, die nicht schon kurz vorher in der Lunge eines anderen verwaltet hätte.
Wer es also kann, meidet den Aufenthalt in großen Städten. Sie sind die Gräber der Menschheit und zwar nicht allein im Physischen, sondern auch im moralischen Sinne.
Angst vor der Luft, die bereits in der Lunge eines anderen war, mündet schließlich in dem Ratschlag, sich eine Wohnung am Rande der Stadt zu suchen und am besten alle paar Tage die Stadtatmosphäre komplett zu verlassen.
Gasthaus, in dem sich der Auswurf der Tischgenossen noch fröhlich vermischen konnte, scheint längst zu einem Ort der Bedrohung verkommen, dem äußerste Wachsamkeit entgegengehalten werden muss.
Die Parole Belüftung, Sauberkeit und Überwachung hält ein Zug. Gewissermaßen die AHA-Formel der damaligen Vorsorgepolitik.
Ideale Zufluchtsort vor gefährlichen Mischungsverhältnissen ist der eine Haushalt idealtypisch bevölkert durch die Kleinfamilie.
Das behauptet, zumindest der Hygiene Felix wieder Laar, der ebenfalls von der günstigen Nähe der Wohnung zu einem Frischluftreservat und der Beherrschung der Luftströme zur Vermeidungs- und Krankheiten überzeugt ist.
Achtzehnhundertfünfundzwanzig verkündet er in seiner Abhandlung über die häusliche Hygiene. Es gibt keinen gesünderen Wohnsitz als den, der einsam und isoliert ist.
Vermeidung von Kontakt zu Personen abseits der eigenen Familie hat übrigens eine interessante Zwischenform hervorgebracht.
Der Balkon in bürgerlichen Wohnungen ist der ideale Anbau, um Beteiligung am öffentlichen Leben, trotz Wahrung von sozialer Distanz zu ermöglichen.
Im Rahmen der Umbaumaßnahmen des Pariser Stadtbilds im neunzehnten Jahrhundert, die von Osman nach hygienischen Kriterien der Zirkulation von Luft und Licht geplant werden, sind Balkone ein beliebtes Mittel, um Öffentlichkeit und Privatheit zu verbinden.
Auch das Revival der Balkonkultur in der jüngsten Lockdown Phase ist vermutlich auf ähnliche Motive zurückzuführen.
Hervorleben der gesundheitlichen Vorzüge des häuslichen Lebens geht einher mit neuen Kulturtechniken,
einsame Zimmer ist der perfekte Ort, um Hematic das Subjekt zu betreiben und die daraus gewonnenen Erkenntnisse der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Denn die Zeit, in der die großen Metropolen von Typhus, Cholera und Tuberkulose heimgesucht werden, ist zugleich Schauplatz einer großen Alphabetisierungsfälle.
Erstmals wird schreiben und lesen in den gebildeten Schichten zum Alltagsphänomen.
Eine distanzierte Lebensweise verträgt sich dabei äußerst gut mit der einschlägigen, literarischen Form dieser Zeit.
Lektüre eines Romans setzt keine geselligen Zusammenkünfte voraus. Die Imaginationsleistung lässt sich sogar besser unter Isolationsbedingungen anregen.
Dabei hat es reduzieren von physischen Begegnungen, keineswegs zu einem großen Kommunikationsabbau geführt. Ganz im Gegenteil.
Körper werden neue Verkehrsformen bemüht, die Menschen miteinander verbinden,
Epidemien beschwören eine Kultur der Empfindsamkeit, wie man in Erbrechtes-Studie Körperströme und Schriftverkehr nachlesen kann.
Um auch noch in Isolation anschlussfähig zu bleiben, läuft der Privatgebrauch der schriftlichen Kommunikation auf Hochtouren.
Briefe, Tagebücher und andere Protokollsätze des Alltagslebens schaffen die Grundlage für neue Formen der Intimität, die auf Distanz funktionieren.
Und auch in der jüngsten Vergangenheit meint man die Überproduktion des Geistes zu beobachten, der sich unter dem Einfluss des Home Offices auf die Krisenerkundung des selbst verlegen musste.
Man könnte nun aus heutiger Perspektive vermuten, dass die gestiegene Sensibilität für die Gefahren, die der eigene Körper, für die Gesundheit der Mitmenschen darstellt, ein Produkt des medizinischen Fortschritts ist,
und es ist nicht zu bestreiten, dass durch die mikrobiologischen Entdeckung des neunzehnten Jahrhunderts die mit Namen wie Robert Koch, Rudolf Vircho oder Louis Pastor verbunden sind,
Wissensgrundlage für die Alltagspraktiken gelegt ist, mit denen wir uns heutzutage ganz selbstverständlich die unsichtbaren Krankheitserreger vom Leib halten. Lüsten, Quarantäne, Hände waschen.
Dass diese Kulturtechniken aber nicht nur dem sicheren Weg der medizinischen Evidenz zu verdanken sind,
sondern bestimmte kulturelle, kollektiv wirksame Imagenationen zur Voraussetzung haben, zeigen beispielsweise die Arbeiten von Norbert Elias und seinem Mitarbeiter Johann Gautz,
in einer Argumentation, die erst kürzlich vom Kulturwissenschaftler Albrecht Geschocke für die Corona-Pandemie aktualisiert wurde.
Hygienestandards werden darin lediglich als ein Baustein eines weitaus größeren moralischen Strukturwandels der Gesellschaft begriffen, der sich bereits vor Einbruch der Seuche angekündigt hatte.
Norbert Elias Studie zum Prozess der Zivilisation kommt den Fortschritten im hygienischen Wissen keine tragende Rolle zu. Er schreibt, Zitat.
Jedenfalls läuft der Prozess in gewisser Hinsicht genau umgekehrt, als man es heute zu unterstellen fliegt. Erst rückt während einer langen Periode im Zusammenhang mit einer bestimmten Wandlung der menschlichen Beziehungen oder der Gesellschaft, die Peinlichkeitsschwelle vor.
Es ändern sich die Effektlage, die Sensibilität, die Empfindlichkeit und das Verhalten der Menschen mit vielerlei Schwankungen in einer ganz bestimmten Richtung,
Dann wird an einem bestimmten Punkt dieses Verhalten als hygienisch richtig erkannt. Es wird durch klarere Einsicht in die kausalen Zusammenhänge gerechtfertigt und weiter in der gleichen Richtung vorangetrieben.
Das Vorrücken von Peinlichkeitsschwellen, so Elias weiter, mag zwar diffus mit dem Wissen zur Übertragbarkeit gewisser Krankheiten zusammenhängen, aber die rationale Einsicht ist nicht der Motor der Zivilisation des Essens oder anderer Verhaltensweisen.
Diese Koevolution von Moral und Gesundheit beobachtet Elias am Beispiel des Spuckens,
Brauch, der im Mittelalter unter Männern noch üblich war und heute verständlicherweise in Misskredit geraten ist.
Das Verbreiten von Körperflüssigkeiten gilt heute als unhygienisch. Da zum Beispiel der Speichel Krankheitserreger enthalten kann.
Ersten Vorschriften, die der Spucken verbieten, ist jedoch von Gesundheitserwägung noch nicht die Rede.
Nicht unter die Leute zu bringen, wird dort aus Gründen der sozialen Erbetung untersagt.
Erst viele Jahrzehnte später versieht man diese Regel mit hygienischen Argumenten.
Für Elias ist das ein Zeichen dafür, dass die medizinische Evidenz nicht den Auslöser für neue Verhaltensweisen abgibt, sondern dass sie erst in einem Akt nachträglicher Rationalisierung ins Feld geführt wird.
System der Medizin erfährt gewissermaßen eine Zweitkodierung im Dienste der Moral.
Und tatsächlich wird ein Großteil der Gesundheitsreformen ab achtzehnhundert zwar wissenschaftlich begründet die empfohlenen Maßnahmen sind jedoch Teil einer größeren Umstellung auf Distanziertheit, die sich bereits in den Praktiken der bürgerlichen Lebensform niederschlägt,
und später von der Allgemeinheit aufgegriffen wird.
Die neuen hygienischen Vorsichtsmaßnahmen haben nicht eine Gesellschaft der Nähe, einfach aus dem Nichts überwältigt, sondern schließen an bereits bestehende Kulturen der distanzierten Umgangsform an.
Es gibt bereits eine Vorstellung, von der Unantastbarkeit der Person und ihren Territorien des selbst zu goffnen, die den eigenen Körper verwaltet und mit Formen des privaten, häuslichen Lebens ausstattet, um diesen vor äußeren Einflüssen zu schützen.
Nach Distinktion und Trennung,
Die Freiwillige Isolation um darüber schreiben und reflektieren zu können, all das sind Phänomene, die man bereits vor den großen Epidemien findet.
Kulturellen Bestände werden von den Ärzten des neunzehnten Jahrhunderts um eine medizinische Parallelaktion ergänzt.
Sie schreiben gegen die Enge der Wohnungen, die gemeinsame Nutzung von Gebrauchsgütern und das Schlafen in Gemeinschaftsbetten an,
Einzelbett früher nur in Klöstern vorhanden, wird in Krankenhäusern und später in Privatwohnungen zur Norm. Das distanzierte Individuum ist die alles bestimmende Zielgröße.
Kontrastfolie bilden diejenigen, welche nicht über die Möglichkeiten verfügen, die Orte der Ansteckung zu verlassen, um sich von den physischen Zumutungen der Umwelt zu distanzieren.
Verrichten sich die hygienischen Empfehlungen nicht explizit an das städtische Bürgertum, doch die Beispielgebung der Ratschläge, das hat der Historiker Philipp Sarazin herausgearbeitet, lässt deutlich werden, welche Bevölkerungsgruppe man vor Augen hat.
Hermann Klinke behauptet in seinem Haus Lexikon, der Gesundheitslehre für Leib und Seele, die gewöhnlichste Art der Bewegung sei das Spazierengehen.
Die Bewegungsprofile in der Fabrik sind dagegen Gesundheitsschädigend. Und das nicht nur, da man seinen Körper dort allerlei giftigen Stoffen aussetzt.
In den entsprechenden Milieus fehler es an Bereitschaft, sich die Verunreinigungen auch wieder abzuwaschen.
Die Rede ist von tausenden und Abertausenden, welche Monate er selbst jahrelang in keiner Badewanne saßen.
Sicher leben wir heute in anderen Verhältnissen, über die auch anders gesprochen wird,
Und doch hören wir in der heutigen Berichterstattung von der Differenz, welche diejenigen, die ihre Körperlichkeit leichter abstimmen können von denjenigen trennt, die auch unter Pandemiebedingungen ihre Haut zum Markt betragen müssen.
Daraus zum Abschluss noch etwas für unsere Sichtweise auf die Corona-Pandemie gewinnen.
Aus einer langfristigen Perspektive betrachtet, verdanken sich die Veränderungen der Architektur in den Innenstädten die neustrukturierung der Arbeitswelt und die Umstellung auf Distance Learning in Bildungsinstitutionen, die wir im Moment erleben
Nicht allein einer Pandemie, sondern der Verfügbarkeit digitaler Kommunikationsnetze.
Von dem Auszug einer bestimmten Schicht aus den Zumutungen des physischen Kontakts hin zu virtuellen Sphären des beruhigungslosen Verkehrs, wird diese vermutlich noch profitieren, wenn es schon lange nicht mehr um Inzidenzwerte geht.
Wie funktioniert emotionale Anteilnahme ohne physisch anwesend zu sein?
Welche Alltagsrituale des Beginns und des Beendens von Interaktion der Signalisierung von Aufmerksamkeit oder der beiläufigen Kontaktanbahnung gewähren sich in digitalen Räumen.
Das sind Fragen, die sich auch ohne die Corona-Pandemie über kurz oder lang gestellt hätten mit ihr, haben wir uns nun schneller auf die Suche nach Antworten begeben.
Vielen Dank.
Jan Gehrmann
Ja wunderbar, vielen Dank für den spannenden Vortrag.
Ich würde beginnen mit einer eher methodisch-technischen Frage, die die wissenschaftliche Technik oder auch die Methode des historischen Vergleichs hatten wir schon öfter auch,
und ganz grundsätzlich ja bezogen auf die Corona-Pandemie. Ähm welche Vorteile und auch Problematik ergeben sich durch so einen Zugriff auf ein bestimmtes Thema?
Angelika Schwarz
Ja, ich würde auch sagen, dass die äh Technik des historischen Vergleichs vielleicht nicht die unproblematischste Variante ist über die Krise zu sprechen,
Mein Vortrag war der Versuch ähm,
so als Gegenschlag äh gegen die Deutung äh der Krise anzugehen, die sich sehr stark auf das Moment der radikalen Umwälzungen konzentrieren. Also ich würde sagen, dass ähm man natürlich vom Standpunkt unseres Erlebens aus,
ist es natürlich ein,
Ereignis, äh dass wirklich alles umkrempelt, alle Verkehrsformen und Verhaltensweisen in kürzester Zeit umstellt und zwar auf der ganzen Welt. Und dass man da natürlich ähm Deutungsangebote braucht, die sich,
ähm Ausnahmecharakters der Gegenwart auch bewusst sind und vielleicht auch konkrete Handlungsanweisungen liefern können. Und,
glaube, das kann der historische Vergleich ähm vermutlich etwas weniger gut, als jetzt andere soziologische Deutung. Ähm aber, was man, glaube ich, dadurch schon ganz gut machen kann, ist, ähm indem man diesen Vergleichshorizont öffnet,
in die Geschichte hinein und vielleicht auch nach ähnlichen Situationen fandet,
Kann man die ähm Dramatik unserer Situation, glaube ich, ein bisschen mildern? Also ich glaube, es geht so ein bisschen darum, ist es vielleicht so eine Krisenskalierung, also dass man wirklich ähm die diese diesen Ausnahmecharakter so ein bisschen kleiner schreibt.
Und äh das, glaube ich, kann man dadurch ganz gut machen. Also einmal einerseits durch diese sehr langfristige Perspektive und dann eben durch diese historischen Parallelsituationen.
Und darauf lief der Text natürlich so ein bisschen hinaus, dass man auch dadurch eine neue Perspektive gewinnt und sehen kann, dass bestimmte Verhaltensänderungen, die uns jetzt radikal neu,
erscheinen, sich vermutlich auch eingestellt hätten, wenn es die Pandemie gar nicht gegeben hätte. Ähm,
Und ähm das liegt natürlich an der äh an der Durchsetzung von digitalen Kommunikationsmedien,
und das kann man, glaube ich, deswegen parallelisieren oder vielleicht auch so spekulativ in den Raum werfen, weil es eben Parallelsituationen gab, die schon ähnlich abgelaufen sind,
Ja, also vielleicht auf eine kurze Formel gebracht. Man kann die Krise damit ähm weitaus kleiner machen, als sie sich im Moment anfühlt.
Jan Gehrmann
Mhm. Ähm da eine Frage, die sie, die jetzt vielleicht daran gut anschließt und die sie auch schon ähm immer wieder angesprochen hatten im Verlauf ihres Vortrags, nämlich,
wie sich denn ihre Perspektive Analyse von sozialer Ungleichheit vielleicht sogar fruchtbar machen lässt, also sie haben über die Alphabetisierung gesprochen, äh die Wohnverhältnisse, die Möglichkeit ähm von Hygiene tatsächlich auch der Zugang zu bestimmten Möglichkeiten für Hygiene, wie diese sich dann
bis in ihrer Perspektive verorten.
Angelika Schwarz
Ja, das stimmt. Also Ungleichheit war.
Eine Dimension, die sehr stark vorkam und zwar, weil man ja in dieser auch wieder diesen historischen Vergleich bemüht, man ja sehen kann, dass die ähm.
Also die hygienische Verantwortung,
durchaus sehr anstoßfähig ist für bestimmte bürgerliche Verhaltensweisen, die schon da sind. Also ich glaube sowas wie die Sorge um die eigene Gesundheit, dass man die ganze Zeit in diese Deutungsarbeit,
einsteigt, die Zeichen des eigenen Körpers zu deuten und sich darüber Gedanken zu machen, das ist natürlich etwas, was auf das bürgerliche Subjekte, glaube ich, immer schon sehr gut äh eingestellt sind und auch die nötige Muße natürlich mitzubringen,
und ähm es gibt damals äh also in diesen ganzen hygienischen Abhandlungen und in der in in den Reaktionen darauf auch immer schon diese Klage darüber, dass es,
bestimmte Leute einfach nicht auf die Reihe kriegen, sich an die Maßnahmen zu halten, Distanz zu wahren oder ähm einfach mal ähm physisch ein bisschen mehr Acht zu geben aufs auf sich und auf andere und das, glaube ich, ist dann schon
zu verbinden mit einer Ungleichheitsperspektive, die sich auch heute geltend macht,
Also das denke ich haben wir schon beobachten können, dass es auch heute eine bestimmte Schicht ist, die sich natürlich aufgrund ihrer.
Strukturellen Positionen einfacher distanzieren kann, einfacher die Maßnahmen ähm umsetzen kann, als es vielleicht andere sind, ähm die.
In ihrer Arbeit noch stärker auf auf den Körper angewiesen sind ähm und den auch einsetzen müssen. Also deswegen ähm würde ich sagen, dass da,
der historische Vergleich durchaus ähm Parallelen aufweist, also zu diesen unterschiedlichen Episoden, die auf Ungleichheit verweisen,
Ähm und dann aber vielleicht noch so eine gegen äh läufige Beobachtung trotzdem.
Glaube ich, dass sich diese hygienischen Maßnahmen, die damals verfasst werden und die sich als die als Empfehlungen rausgegeben werden, dass die sehr stark von so einem Geist der Demokratisierung auch erleben, also diese,
Autoren sprechen immer davon, dass die hygienische Verantwortung ihm von allen getragen werden müssen, also ähm da setzt sich schon so eine Erkenntnis durch, dass eben ähm,
kein Adelstitel und auch keine hohe Stellung vor der Infektion mit einer bestimmten Krankheit schützen kann, sondern dass sie wirklich alle gleichermaßen darum kümmern müssen. Und dann kann man eben nicht sagen, ja, der,
ähm Lepra, Kranke äh arme, unbedeutende Mensch muss jetzt vor die Tore der Stadt und der lebrakranken König kann aber
ohne irgendwelche Veränderungen im Alltag einfach weiterregieren
Das wird dann nicht mehr gesagt. Das verändert sich glaube ich schon auf semantischer Ebene hin zu einer Demokratisierung. So dass wirklich alle dafür Sorge tragen müssen, ähm sich vor Krankheiten zu schützen
Aber klar, also natürlich auf der Ebene der ökonomischen Realität gibt es dann bestimmte Schichten, die das einfacher umsetzen können und die dann einfacher darauf reagieren können als andere.
Jan Gehrmann
Dann vielleicht darfst du direkt eine Nachfrage. Ähm sie haben uns, glaube ich, grade Bewusstsein genannt, Bewusstsein, dass irgendwie Maßnahmen effektiv sein können
ganz starke Zustimmung gibt und der Sinn gesehen wird,
aber das tatsächliche Einhalten der Maßnahmen dann tatsächlich wieder ein anderes Bild liefert. Also da gibt's eine leichte Verschiebung vielleicht sogar. Können sie dazu vielleicht nochmal kurz was sagen?
Angelika Schwarz
Also zählt die Frage darauf ab, dass ähm es zwar die normative Erwartung gibt, soziale Distanz äh einzuhalten, ist aber praktisch oft ähm Ausnahmen gibt oder Leute, die die Regeln brechen.
Jan Gehrmann
Genau und es gibt ja auch äh eine sehr sehr starke Zustimmung, dass Maßnahmen sinnvoll sind, aber der mpirische Blick äh wie ob und wie diese eingehalten werden, liefert dann so ein bisschen anderes.
Angelika Schwarz
Ah, okay. Ja, ich das würde ich ähm ja, glaube ich, einfach mal so anerkennen, äh und würde aber sagen, dass natürlich auch ähm ich habe das ja sehr stark an diesem.
Prozess der Zivilisation von Norbert Elias orientiert, der dann ja beobachtet wie sich über Jahrhunderte hinweg diese ähm zivilisierten zurückhaltenden, distanzierten Verhaltensweisen,
ähm und dann natürlich jetzt auch nicht ähm sagt, dass äh dass so eine Geschichte wäre, die,
Logiken neben ihr ähm tolerieren kann, weil ich würde niemand würde ja behaupten, dass ähm
im Rahmen dieses Zivilisationsprozesses nicht auch die ganze Zeit Endzivilisierung stattfinden, das die ganze Zeit auch diese Regeln wieder gebrochen werden an der ein oder anderen Stelle, sondern dass man eher so einen
also eine großformatige Tendenz beobachtet, die zumindest normativ, glaube ich, von den meisten so anerkannt wird. Also ich glaube, dass wir überhaupt ähm,
feststellen, dass es da Ausnahmen oder Brüche gibt, das spricht schon dafür, dass wir das im großen Teil,
eigentlich als das Geforderte auch anerkennen in unserem Alltag. Also ich würde sozusagen nicht sagen, dass,
nicht ausschließen, dass es natürlich immer wieder ähm abweichende ähm Haltung dazu gibt. Und ich glaube auch historisch kann man das auch sehen. Also da gibt's auch immer wieder die Klage darüber,
dass Leute darüber berichten
und jetzt haben wir ja diese diese ähm neue Krankheit und trotzdem gibt es Leute, die auf die Straße rennen und sich mit anderen treffen und die können sich einfach nicht daran halten und äh haben das anscheinend noch nicht so verinnerlicht, wie wir. Also diese Diskussion gibt's, glaube ich, immer wieder.
Und vielleicht noch so ein letzter ähm letzte Beobachtung dazu, ähm auch diese Szene aus dem Gasthaus,
ich ähm am Anfang vorgelesen habe, ähm die Erasmus von Rotterdam beobachtet, die ähm der folgt dann ein Dialog,
wo genau über sowas gesprochen wird, da wird dann darüber,
diskutiert, ähm wie diese Leute, die ja vielleicht sogar Krankheiten in sich trugen, sich immer noch so frei und sorglos treffen können und die sozialen Distanzmaßnahmen einfach äh über Bord werfen können, obwohl es doch schon dieses medizinische Wissen gibt,
dass sie eigentlich dazu anleiten müsste, ihre ihr Verhalten umzustellen. Also ich glaube, die Durchsetzung einer Regel denkt mit, dass es natürlich immer Ausnahmen gibt so.
Jan Gehrmann
Kann vielleicht nochmal eine eine konkrete Frage zu Elias, sie hatten's ähm die Zweitkodierung des medizinischen Dienste der Moral, glaube ich, äh genannt. Ähm wie ließen sich denn die diese Einsicht oder diese Beobachtung für die derzeitige.
Fruchtbar machen, wäre jetzt vielleicht die Zweikodierung, die des politischen oder wie könnte man das äh reformulieren mit Elias?
Angelika Schwarz
Ich ich würde sogar, ich würde sogar dabei bleiben, glaube ich. Also das ist ähm darum.
Medizinische Erkenntnisse, das war so ein bisschen die These, nicht nur auf ähm rationale oder medizinisch gesicherte Evidenz zurückzuführen ist, sondern dass immer,
Vorstellungen von Körpergrenzen, von Immunität oder von körperlicher Bedrohung oder von der Gefährlichkeit von Nähe mitschwingen, die auf Kultur verweisen oder vielleicht auch auf eine emotionale Qualität,
ähm von Beziehungen. Also ich glaube, da das Interessante ähm was ich da gefunden habe, ist, glaube ich, schon dieses, dass dieses hygienische Wissen,
zwar wissenschaftliches Wissen ist, dass ich allerdings nicht autonom durchsetze, sondern immer,
sozusagen andere Wissensbestände anzapft, also zum Beispiel eben bürgerliche Lebensgewohnheiten, um sich eine besondere Evidenz zu sichern. Also das sind dann wirklich diese moralischen,
Vorstellung davon,
dass ein besonders autonomer Mensch eben auch dazu fähig ist, sich zurückzuziehen und sich einsam in seinem Zimmer zu beschäftigen, also so eine Vorstellung. Ähm und da kann man eben ganz schön diese Parallelaktion zwischen den medizinischen Erkenntnisreisen und dann irgendwie sowas wie.
Eine Moralkodex für eine bürgerliche Schicht erkennen. Und ähm heute, also wenn man das nochmal so an heute anschließt, da würde ich sogar wirklich auf die Fortsetzung oder auf die Aktualisierung dieser These abstellen wollen, dass man vielleicht da auch sehen kann,
auch wieder auch wieder diese Sache, die ich vorher schon erwähnt habe, dass.
Das natürlich auch eine also diese soziale Distanz und die Maßnahmen, die das beinhaltet natürlich auch die Lebensweise darstellt einer bestimmten Schicht,
eben schon ihren Alltag ähm da sind, die angewiesen ist, auf Körperlichkeit sehr leicht umstellen konnte, auf das Homeoffice beispielsweise
Und da würde ich sagen, das sind dann, das ist dann auch wieder diese Verbindung von,
moralischen und medizinischen Erkenntnissen, die sich so gegenseitig befruchtet oder sich so evidenz zuschiebt.
Vielleicht noch eine andere Sache bei Elias ist es ja auch wichtig, dass sich ähm der Zivilisationsprozess nicht nur über die Köpfe oder,
Wir könnten sagen, über die Körper der Menschen hinweg ähm hinweg ereignet, sondern dass der auch einer gewisse Internalisierung oder Verankerung,
in den Menschen selbst auch vorrufen muss, um besonders gut zu funktionieren. Und deswegen ist bei ihm immer sehr stark von dieser Parallelität der Soziogenese und der Psychogenese die Rede, also dass sich ähm die,
Affektschwelle ändern muss oder unsere affektiven Bezugnahmen ändern müssen.
Und ähm ich glaube, das passiert auch ähm derzeit, dass wir gewissermaßen eine neue,
affektive Einstellung auch lernen müssen, was ähm soziale Distanz als Normalfall unseres Alltags angeht. Also ich glaube, genau diese Fragen,
wir uns in den letzten Monaten gestellt haben. Also zum Beispiel, wie funktioniert es, ähm intime,
emotional reiche Beziehungen aufrecht zu erhalten, obwohl wir vielleicht monatelang körperlich nicht präsent sein können,
wie funktionieren diese kleinen Alltagsrituale, die sich ähm sonst über den Körper vollzogen haben,
Wie kann man die ähm wie kann man da Substitute schaffen im digitalen Raum? Und das, glaube ich, hat schon viel damit zu tun, dass man sich eben auch affektiv oder mental in irgendeiner Weise auf ähm diese neuen Kommunikationsformen einstellt.
Und ähm das glaube ich ist heute eben auch äh,
gerade im Gange und die Pointe des Textes war, dass ähm das natürlich sehr stark mit der Pandemie beschleunigt wurde, also dass wir uns schneller sozusagen äh also dass wir schneller erfinderisch sein mussten, was diese ganzen Fragen angeht, aber dass es sich wahrscheinlich über.
Oder lang eh eingestellt hätten, also dass wir diese ähm affektive Neumodellierung auf die Verhältnisse auf Distanz hin.
Räumen, dass wir die wahrscheinlich.
Jan Gehrmann
Das war der Vortrag, den Angelika Schwarz am vierten August zweitausendeinundzwanzig in unserem digitalen Kolokium gehalten hat. Wir hoffen, sie konnten ein paar andere.
Wenn sie mögen, dann abonnieren und teilen sie doch gerne den Podcast. Außerdem freuen wir uns über eine positive Bewertung auf Apple Podcast oder den.
Twitter sind wir erreichbar unter Corona-Satz. Wir danken fürs Zuhören, bis zum nächsten Mal.