Soziologische Perspektiven auf die Corona-Krise – coronasoziologie.blog.wzb.eu

Transkript: Katharina Manderscheid und Lorenz Gaedke: Ungleicher Familienalltag durch die Corona-Pandemie

ACHTUNG: Das Transkript wird automatisch durch wit.ai erstellt und aus zeitlichen Gründen NICHT korrigiert. Fehler bitten wir deshalb zu entschuldigen.


Marlene Müller-Brandeck
Willkommen zur neuen Ausgabe unseres Podcasts zu soziologischen Perspektiven auf die Coronakrise. Mein Name ist Marlene Müller-Branding,
bin wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.
In ihrem Vortrag vom 17. November präsentierten Lorenz Gerdke und Katharina Manderscheid erste Ergebnisse aus ihrer Studie zur Ungleichheit im Familienalltag durch die Coronapandemie.
Mit einem Methodenmix werden Familien verschiedener sozialer Milieus in den Städten Schwerin und Bremerhaven miteinander verglichen.
Katharina Manderscheid ist Professorin für Soziologie, Lebensführung und Nachhaltigkeit an der Universität Hamburg.
Lorenz Gebke ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am selben Lehrstuhl. Und nun viel Spaß mit dem Vortrag von Lorenz Gebke und Katharina Manderscheid.
Lorenz Gaedke
Hallo auch von mir. Vielen Dank für die nette Anmoderation. Ich freue mich, dass ich heute die Möglichkeit habe,
diesem Format unser Forschungsprojekt ungleicher Familienalltag durch die Coronapandemie vorstellen zu können. Jetzt habe ich vor lauter Vorfreude glatt vergessen die Aufnahme zu starten. Das muss ich noch nachholen. So ähm,
Mit uns meine ich in dem Fall ähm die Projektleiterin Frau Professorin Katharina Manderscheid von der Universität Hamburg, die ebenso zugeschaltet ist sowie den studentischen Mitarbeiter Amarcuk,
Robert Vollmer und Diana Hölscher vom Sozialforschungsinstitut INFAS aus Bonn,
Ich bin Lorenz Gitke, wie grad schon von Frau Müller-Brandbeck eingeführt und bin der wissenschaftliche Mitarbeiter in dem Projekt.
Ähm in der nächsten Viertelstunde werde ich ihnen zum einen den Projekthintergrund darstellen und zum anderen erste Einblicke in unsere qualitativen Daten, die wir aktuell erheben geben.
Werde ich den Fokus auf die Dimension Zeit und Raum und deren Veränderungen durch die Pandemie richten,
In der öffentlichen Aufmerksamkeit dominierte vor allem zu Beginn der Pandemie das Bild, das die Menschen auf einmal viel Zeit für Hobbys zur Verfügung hatten, die sie zum Beispiel auch für ihre Familie nutzten.
Weniger beachtet wurde jedoch, dass für viele die Pandemie zu einer Beschleunigung des Alltags geführt hat.
Eine zweite Dimension, die zwar immer wieder angesprochen, aber noch nicht systematisch einbezogen wird, ist der Raum. Es geht primär um Wohnraum und Wohnumfeld, aber auch die Nutzung virtueller Räume.
Und Stadtquartier sind in der Pandemie nicht mehr nur Ausdruck ungleicher ökonomischer Ressourcen, sondern werden zunehmend zu Verstärkern von Ungleichheit.
Beiden Dimensionen geht es nicht ausschließlich um die individuelle Quantität von Raum und Zeit, sondern um die Intra- und interfamilialen Unterschiede im Erleben und den Gestaltungsspielräumen.
Ich aber gleich erste Befunde dazu präsentieren werde, möchte ich ihnen zunächst das Projekt vorstellen.
Der Fokus unserer Forschung liegt auf der Frage, ob die Auswirkungen der Pandemie den gesellschaftlichen Ungleichheitslinien folgen,
Beginn gab es in den Medien und Politik häufig die Aussage, dass das Virus keine Unterschiede kenne, was sich aber schon früh als falsch herausgestellt hat.
Verlieren ihre Ställe oder sind in Kurzarbeit, andere arbeiten vor Ort wie zuvor, wieder andere arbeiten im Homeoffice. Es bestehen also schon rein ökonomisch und arbeitsplatzbezogen Ungleichheiten.
In anderen Beiträgen dieser Vortragsreihe wurde bereits darauf verwiesen, dass nicht nur bestehende Ungleichheiten verstärkt werden, sondern neue Bruchlinien auftreten,
Beispielsweise dürften die Folgen für Kinder durch Schulschließungen auch in Abhängigkeit von Familienkontext Ungleichheit ausfallen,
Die Frage ist also, was genau passiert in Familien, in verschiedenen sozioökonomischen Kontexten.
Ausgangspunkt ist also die Familie als Dreh- und Angelpunkt verschiedener Lebenssituationen in einem Haushalt.
Bei der Auswahl der Untersuchungsräume war die Annahmeleitend, dass in der Pandemie die räumliche Dimension, also Stadtquartier, Wohnung, einen relevanten Einfluss hat. Wir beschränken uns auf städtische Räume, untersuchen aber dort privilegierte und benachteiligte Quartiere.
Zudem vergleichen wir zwei Städte, eine eher prosperierende Stadt und eine eher sozioökonomisch benachteiligte Stadt,
Um die Reproduktion von Ost-West, Stereotypen zu vermeiden, wurden mit Schwerin eine prosperierende Stadt in den neuen Bundesländern und mit Bremerhaven eine benachteiligte Stadt in Westdeutschland gewählt.
Für die Auswahlwaren ähnlicher Raum, Typ und Größe, Kaufkraft sowie Infrastruktur.
Die Besonderheiten unserer Studie sind zum einen die Orientierung an die Arbeitslosen von Mariental.
Zum anderen ist es die Wahl von Familien als Untersuchungseinheit. Dadurch sollen Effekte des Zusammenlebens in den Blick genommen werden, die im Pandemiealltag verschärfend oder erleichternd wirken,
Gehen wir Methoden plural und explorativ vor. Zunächst wurde eine Medienanalyse und eine Literaturauswertung durchgeführt,
Hat eine quantitative Online-Befragung von Familien realisiert, welche die Möglichkeit bietet als Längsschnitt-Befragung fortgesetzt zu werden.
Die Auswahl geht auf eine Ziehung einer stadtteilbasierten Stichprobe aus den Einwohnermelderegistern zurück,
Insgesamt haben 926 Personen aus 502 Haushalten an der Umfrage teilgenommen.
Parallel fanden qualitative Expertinnenbefragungen und Kurzgespräche vor Ort statt.
Aktuell führen wir vertiefende, qualitative Familieninterviews durch, in denen wir beide Elternteil, beziehungsweise bei Alleinerziehenden nur eines, sowie ein Kind, das mindestens zehn Jahre alt ist, unabhängig voneinander befragen.
Im gesamten Forschungsprozess werden in Auseinandersetzungen mit Material und Gegenstand Thesen entwickelt und weiterverfolgt,
Unsere Ergebnisse wollen wir abschließend Politik, gesellschaftlichen Akteurinnen und der breiten Bevölkerung kommunizieren.
So, jetzt ähm nach dieser Kurzvorstellung möchte ich Ihnen einen ersten Einblick in die Befunde zu zur zeitlichen und räumlichen Dimension aus unserer Familienbefragung geben.
Noch mal wichtig zu erwähnen, dass es sich dabei um Work and Progress handelt. Wir befinden uns aktuell mitten in der qualitativen Datenerhebung und haben mit der regelgeleiteten Analyse des Materials noch nicht begonnen.
Ist das qualitative Sample noch in Richtung sozioökonomisch besser gestellter Familien verzehrt?
Lassen sich erste spannende Befunde identifizieren, die wir in der zukünftigen Auswertung weiterverfolgen werden.
Die Zahlen von Impfers vermitteln einen ersten Eindruck, wie sich die Zeitverwendung durch die Pandemie verändert hat.
Wie viel Zeit beispielsweise zusätzlich für die Betreuung von Kindern investiert wird, ist abhängig vom ökonomischen Haushaltsstatus. Je höher der Status, desto weniger Personen bringen zusätzliche Zeit für die Betreuung ihrer Kinder auf.
Gleichzeitig steigt mit dem Status der Anteil derer die gleich viel Zeit wie vor der Pandemie aufbringen.
Weniger Zeit für die Berufstätigkeit wird eher in Haushalten mit niedrigem Status aufgebracht. Mehr Zeit eher in Haushalten mit einem sehr hohen Status.
Dagegen nimmt der Anteil derer, die weniger Zeit mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin verbringen mit dem ökonomischen Status des Haushalts zu.
Zeit für soziale Kontakte wird in allen Gruppen reduziert. Der Anteil derer, die weniger Zeit mit Personen außerhalb ihres Haushalts verbringen, steigt mit dem ökonomischen Haushaltsstatus aber an.
Diese ersten Erkenntnisse können wir dann jetzt mit unseren qualitativen Daten etwas kontextualisieren.
Wohl größten Veränderungen für Familien brachten die Schulschließungen und die Umstellung der Arbeit mit sich,
Besonders betroffen waren Familien mit mehreren Kindern, in denen beide Eltern arbeiten und den Anspruch haben, die Care-Arbeit gleichmäßig aufzuteilen,
Trafen Umstrukturierung und Neuorganisation der Arbeit und des Familienlebens zusammen. Durch die angestrebte, gleichmäßige Verteilung der Betreuungs-und Haushaltsaufgaben mussten sie ihre bisherigen Zeitarrangements neu aushandeln und der Situation anpassen.
Für eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern, die sich nicht lange vor der Pandemie selbstständig gemacht hatte, waren Neuakquise, der durch die Pandemie weggebrochenen Aufträge und gleichzeitige Organisation des Heimunterrichts eine große Herausforderung.
In allen Fällen resümieren die Befragten, dass sie schnell feststellen mussten, dass sie Homeoffice und Schooling nicht gleichzeitig realisieren konnten,
Angesichts dieser neuen Herausforderung teilten sich die Paare auf. Während ein Elternteil vormittags arbeitete, kümmerte sich das andere Elternteil um die Kinder. Nachmittags wurde dann getauscht. Die Arbeit, die tagsüber nicht geschafft wurde, wurde in die Abend- und Nachtstunden verlagert.
Alleinerziehende Mutter konnte sich natürlich die Betreuungsarbeit nicht aufteilen. Das bedeutete für Sie auch, dass Sie Ihre Arbeiten zulasten der eigenen Erholung in den Arbeit- und Nachtstunden erledigte. Für Sie war die Folge ein Hörsturz.
Diese Probleme hatten aber nicht alle bisher befragten Familien. Eine Mutter, die während der Pandemie eine Umschulung von zu Hause ausmachte und deren Partner in einer Führungsposition Vollzeit arbeitet, resümiert den ersten Lockdown folgendermaßen.
Man war einfach mal entspannt. Man hatte nicht mal hier einen Termin, mal da einen Termin, sonst mal irgendwas.
Der Partner führt zusätzlich dazu aus, dass die Betreuung der Kinder zu massiven Problemen geführt hätte, wenn seine Lebenspartnerin genauso viel gearbeitet hätte wie er.
Es wird also deutlich, dass Familien unterschiedlich von den neuen Herausforderungen betroffen sind. Ist die Aufgabenverteilung ausgeglichen und sind die Zeitarrangements komplett?
Komplex, Entschuldigung, sind bei der Erwerbstätig, müssen ihre Arbeit umstrukturieren und haben hohe berufliche Eigenverantwortung. Dann steigen auch die Belastungen durch die Eindämmungsmaßnahmen.
Zusätzlich hat natürlich die Anzahl der Kinder im Haushalt einen erheblichen Einfluss auf die Belastung.
Die neuen Herausforderungen und Belastungen wirken sich auf die Tagesstruktur der Familien aus. Gerade für die Familien mit angeglichener Aufgabenverteilung und die selbstständige, alleinerziehende Mutter mit den zwei Kindern war eine feste Tagesstruktur wichtig.
Zeigt sich exemplarisch im folgenden Zitat der alleinerziehenden Mutter. Hier durfte keiner in den Tag reinleben, weil ich dachte, dann gehen wir unter.
In allen drei Fällen versuchten die Eltern zu Beginn der Pandemie eine sehr ausdifferenzierte Tagesstruktur mit Stunden und Arbeitsplänen zu etablieren. Schnell erkannten sie jedoch, dass ein starrer Tagesplan viel zu unflexibel und im Alltag nicht umzusetzen war.
Wurden Ankerpunkte wie eine feste Aufstehzeit und ein gemeinsames Mittagessen beibehalten.
Auf die Kinder dieser Familien wirkte sich die Umstellung in ähnlichem Maße aus. Alle berichten, dass ihr morgen entspannter geworden seid. Dagegen hatte die fehlende zeitliche Strukturierung durch die Schule beim Home Schooling negative Konsequenzen.
Befragten Kinder dieser drei Familien erzählen, dass sie mitunter zu viel Zeit für Schulaufgaben benötigt hätten,
hatte zur Folge, dass sie weniger zur Zeit zur Verfügung hatten, um sich mit Freundinnen zu treffen. In diesen Fällen zeigt sich dann eine Entgrenzung von schulischer und privater Sphäre.
Anders war's bei der Familie, in der die Mutter eine Umschulung absolvierte und der Partner in einer Führungsposition arbeitet. Sie sagt, im Endeffekt hat man in den Tag hinein gelegt.
Auch ihre Tochter habe für die Schule nur das Nötigste und auf den letzten Drücker gemacht,
Laut der Tochter habe sich damit ihr Tagesablauf verändert und Tag-Nacht-Rhythmus nach hinten verschoben.
Es zeigt sich also, dass die Familien unterschiedlich auf die neuen Herausforderungen reagiert haben. Manche haben eine neue Alltagsstruktur etabliert, andere haben ihre Zeit nicht strukturiert.
Dabei scheint ein Zusammenhang mit der Beschäftigungssituation der Eltern zu bestehen,
Dargestellten Fällen zeigt sich zudem ein Zusammenhang zwischen der elterlichen Alltagsstrukturierung und den Erfahrungen der Kinder zu viel Zeit für Homeschooling benötigt und zu wenig für Freizeit gehabt zu haben.
Aspekten werden wir in der Auswertung des Interviewmaterials weiter nachgehen.
Neben Zeit für Arbeit und Schule ist Freizeit ein wichtiges Thema. Hier zeigen sich die größten Unterschiede innerhalb der Familie.
Freizeit ist Primärzeit, die Eltern außerhalb des Familienkontext selbstbestimmt zur Verfügung haben und sie hat offenbar eine starke Ausgleichsfunktion zur Erwerbsarbeit und Kehrarbeit.
Die Eltern geht der zusätzliche Zeitaufwand für Arbeit und Kinderbetreuung zu Lasten der eigenen Freizeit und der Zeit für die Paarbeziehung, die auch ohne Krise knapp sind.
Schildern vor allem die Familien mit der angestrebten auch ausgeglichenen Aufgabenverteilung und die selbstständige, alleinerziehende Mutter,
Das Funktionieren des Systems Familie sicherzustellen, dürfen sie sich keine Auszeit erlauben.
Die Befragten dieser drei Familien befinden sich nah an ihren Kapazitäts- und Belastungsgrenzen oder haben sie bereits überschritten. Jedoch versuchen sie, sich freie Momente zu nehmen, in denen sie Sport treiben, meditieren, sich mit Freundinnen virtuell treffen oder mit Nachbarinnen Zeit verbringen,
Am Ende ihres Interviews resümiert eine gut situierte Mutter, ich hätte mir am meisten Zeit gewünscht. Das, was mir gefehlt hat, Zeit.
Gerade für Eltern bedeutet die Pandemie also eine Beschleunigung des Alltags durch die erzwungene Übernahme von zusätzlichen Aufgaben.
Dies geht zu Lasten von selbstbestimmter Zeit und Zeit zum Regenerieren und Schlafen.
Diese Eindrücke bestätigen auch die offenen Nennungen auf die Frage für welche Tätigkeiten hätten Sie gerne mehr Zeit in der Online-Erhebung von Infas deutlich,
wie Nennungen wie Zeit für Freundinnen treffen, Zeit für mich, Zeit für Sport, Zeit für Erholung, Zeit für braunes, Zeit für schlafen, Zeit für meinen Partner, meine Partnerin zeigen, dass Freizeit, Erholung und Zeit für die Partnerschaft
zu kurz gekommen sind während der Pandemie,
Für die Kinder hingegen bedeuteten insbesondere die äh die,
oder drei, je nachdem wie man's sehen will, Lockdowns, Langeweile.
Erzählen sowohl die befragten Eltern als auch die Kinder selbst. Langeweile ist in dem Kontext vor allem unstrukturierte Zeit.
Sie haben aber auch neue oder ins Vergessen geratene Hobbys und Zeitvertreibe wie Lesen, Hörspiele, Zeichnen mit Legospielen et cetera für sich wiederentdeckt,
Zeit verbringen sich jedoch mit digitalen Geräten oder im virtuellen Raum, womit ich zum nächsten Thema komme.
Dazu und Nutzung von virtuellen Räumen durchziehen den Familienalltag als Konfliktthemen,
Dieser Stelle wird die intrafamiliale Relationalität von Zeitverwendungen sichtbar,
auch die unterschiedlichen Bedeutungszuschreibungen, die digitale Geräte haben,
Eltern, die ihre Kinder sehr strikt reglementieren und kontrollieren. Demgegenüber gibt es Eltern, die das Nutzungsverhalten ihrer Kinder problematisieren, sich aber macht und hilflos fühlen.
Diesen Polen können Eltern eingeordnet werden, die zwar die Nutzung reglementieren, aber auch bereit sind Ausnahmen zuzulassen oder Regeln weniger streng auszulegen.
Auffällig ist, dass Eltern von Vor-und Grundschulkindern digitale Medien wie Fernsehen und Netflix nutzen, um die Kinder zu beschäftigen und sich Zeit zum Arbeiten zu verschaffen,
Mutter erzählt von ihrer jüngsten Tochter, die sehr schnell verstanden hatte, dass sie fernsehen darf, wenn die Mutter in Ruhe arbeiten müsse.
Wirft sie sich selbst vor, dieses Mittel zu oft genutzt zu haben, um ihre Tochter ruhig zu stellen.
Das Beispiel zeigt die Ambivalenz von Eltern hinsichtlich des positiven Nutzens und der negativen Effekte, wenn sie ihre Kinder digitale Medien nutzen lassen.
Wahrnehmung und Bewertung der sozialen Handlung, Nutzung von Social Media und Online Games ist bei Eltern und Kindern sehr differenz.
Eltern sprechen von Zocken, rumdaddeln und Zeitverschwendung. Für manche Eltern ist die Nutzung digitaler
eine wesentlich weniger wertvolle Tätigkeit als beispielsweise das Lesen eines Buches oder Spielen im Garten.
Kinder hingegen ist es soziale Interaktion und Austausch mit Freundinnen, insbesondere wenn andere Räume wie Sportvereine, Kinos, Freizeitparks et cetera geschlossen sind und Kontaktbeschränkung gelten.
Das Potential digitaler Medien wird von Eltern, die mit Verweis auf Gefahren und negative Effekte die nutzungsstark einschränken oder unterbinden vernachlässigt,
Zeigt sich möglicherweise einer der größten generationalen Unterschiede zwischen Eltern und Kinder.
Virtuellen Räumen finden Freizeit und Rückzug natürlich auch in physischen Räumen statt,
diese zur Verfügung stehen,
hängt primär von Wohnquartier und Wohnbedingungen ab, daneben kommen aber auch weitere sozioökonomische Merkmale zum Tragen, wie das folgende Beispiel zeigt,
Familie in unserem Sample lebt in einem bürgerlichen Viertel mit Einfamilienhäusern. Sie sind gut in die Nachbarschaft integriert, die Kinder und Erwachsenen sind befreundet und verbringen Zeit miteinander, auch während der Lockdowns.
Abends trafen sie sich mit der Nachbarsfamilie häufiger im Garten, an der Feuerschale bei bei Stockbrot.
Der Vater räumt ungefragt ein, dass dabei auch geltende Kontaktregeln missachtet wurden,
Wohnlage im bürgerlichen Viertel mit Eigenheim, hätte sie aber vor behördlicher Verfolgung geschützt.
Der Vater einer anderen vor ein paar Jahren aus Syrien Geflüchteten Familie, die zu acht in einer 79 Quadratmeterwohnung in einer Hochhaussiedlung am Stadtrand wohnt, erzählt hingegen, dass er sich während der Lockdowns wie ein Vogel im Käfig gefühlt habe.
Kinder konnten während des ersten Lockdowns nicht draußen spielen, da der einzige Spielplatz im Quartier gesperrt war,
Als es zum zweiten Lockdown im Winter kalt, nass und dunkel gewesen war, sei es eine große Belastung gewesen mit so vielen Personen, die nicht nach draußen dürfen, in einer Wohnung zu sein.
Er berichtet, dass er einmal durch den Türspion Polizistinnen im Hausflur beobachtet habe,
lauschten, ob Familien im Haus gegen die Kontaktregeln verstoßen würden.
Es wird deutlich, dass durch die Wohnlage im Einfamilienhausviertel mit Nähe zum Park und dem Eigenheim im Garten ganz andere Möglichkeiten bestehen, Räume zu nutzen, um den alltäglichen Belastungen und Herausforderungen zu entgehen.
Wohnlage kann sogar vor behördlicher Sanktionierung schützen und somit weitere Freiheiten eröffnen,
Für die nächsten Interviews ist es wichtig, dass wir Familien befragen, die nicht über so priviligierte Platzverhältnisse verfügen, wie die meisten im bisherigen Sample und das führt mich auch schon zu unserer letzten Folie, nämlich Resümee und Ausblick.
Erste Einblick in unsere Daten zeigt, dass nicht die Familien alle gleich von Corona betroffen sind,
Sind die Auswirkungen sehr differenziert entlang sozioökonomischer Faktoren und neuer Bruchlinien und bestimmen so Spielräume, Handlungsmöglichkeiten und Belastungen der Familien.
Gleichzeitig zeigen unsere Daten, dass die Pandemie auch einzelne Familienmitglieder unterschiedlich betrifft. Diese Befunde wollen wir vertiefen und theoretisch kontextualisieren.
Dazu müssen wir zunächst die Befragung abschließen und die Familien erreichen, die in unserem Sample momentan noch unterrepräsentiert sind,
Gleichzeitig hoffen wir mit weiteren Fällen in der regelgeleiteten Analyse auf neue, interessante Erkenntnisse und Zusammenhänge zu stoßen.
Letztlich geht's uns auch darum, unsere Ergebnisse in Politik und Gesellschaft zurückzuspiegeln, um die Folgen der Eindämmungsmaßnahmen und Interventionspotenziale aufzuzeigen,
Ich danke Ihnen sehr für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich jetzt auf spannende Fragen und interessante Anregungen.
Marlene Müller-Brandeck
Vielen Dank. Ähm meine erste Frage bezieht sich ähm auf ihre Methoden. Sie geben ja an
dass sie äh die Arbeitslosen von Mariental als ein vorbildende Studie haben. Können sie vielleicht nochmal erläutern, ähm inwiefern sie einen ähnlichen Methodenmix verwendet haben
in ihrer Studie.
Katharina Manderscheid
Ja wir haben uns sehr stark an oder wir haben uns an dieser Studie orientiert im Sinne ähm auch des explorativen Vorgehens und des multimethodischen Vorgehens ähm dass wir,
Es war nicht ganz so möglich, wie es bei den Arbeitslosen von Mariental gemacht wurde. Diese teilnehmende Beobachtung vor Ort aus offensichtlichen Gründen.
Ähm und ja unsere Idee war hier ähm Schritt für Schritt vorzugehen,
über die Expertinnen, Interviews über die Medienanalyse, also auch erstmal die Auswertung von Zeitungen für beide Städte, was ist denn in dieser Stadt ähm diskutiert worden während der Zeit?
Wo sind relevante Probleme und auch Akteure zu finden da drüber Stück für Stück auch unsere Thesen quasi ähm formuliert haben, die dann in die quantitative Erhebung eingeflossen sind,
ähm auch in das Vorgehen jetzt ähm mit der Familienerhebung eingeflossen sind. Ähm parallel dazu haben wir auch sehr viele Gespräche vor Ort in beiden Städten geführt mit Akteurinnen und Akteuren, die ähm
uns einfach immer wieder auch zu neuen Erkenntnissen gebracht haben, die so von außen einfach nicht zu ersehen sind.
In diesem Sinne, dieses multi-methodische und auch dieses stark explorative ähm Vorgehen glaube ich ähm,
Ist so eine sehr starke Anlehnung auch an die Marientalstudie.
Marlene Müller-Brandeck
Und weil sie das jetzt angedeutet hatten, gibt es denn,
in den beobachteten Ungleichheiten Veränderungen oder ähm sozusagen neue Ungleichheiten, die sie vor der Pandemie nicht beobachtet haben oder die jetzt nicht altbekannte Formen von ungleich, von sozialer Ungleichheit sind.
Lorenz Gaedke
So ähm was für uns spannend war, ist jetzt eigentlich dass im Familien, die sonst als ähm gut situiert
dastehen und die irgendwie eigentlich weniger von sozialer Ungleichheit negativ betroffen sind
Die Pandemie auf einmal Effekte dazu gekommen sind, die die familiäre Systemfamilie unter Druck gesetzt haben und auf einmal die Familien äh äh herausgefordert haben und ähm Stress
erfordert haben und dem gegenüber das was wir bis jetzt sehen können finde ich spannend, dass bei den Familien, die auch vorher schon ähm unter
großen Problemen gelitten haben, also ob's jetzt finanzielle Probleme waren oder auch andere. Da kam die Pandemie bloß als zusätzlicher Faktor dazu, der manche Situationen verschärft hat oder manche Probleme verschärft hat,
das war gar nicht so äh das war gar nicht so der der das Hauptproblem oder der Hauptfaktor.
Und das ist vielleicht so eine Einsicht, dass die Pandemie, insbesondere die Familien, die vorher wenig Probleme hatten, so stark betroffen hat.
Marlene Müller-Brandeck
Ähm ich fand jetzt sehr eindrücklich, wie sie geschildert haben, dass es nicht nur Unterschiede zwischen den Familien, sondern auch
innerhalb der Familien ja sehr unterschiedliche Wahrnehmungen davon gab, was eigentlich diese Pandemie ausmacht und ähm worunter man irgendwie besonders leidet. Also die Eltern sind überlastet, die Kinder gelangweilt. Ähm wie sind denn die Familien mit diesen innerfamiliären Konflikten
umgegangen.
Lorenz Gaedke
Hm äh sehr unterschiedlich. Also ähm ich habe ja die das Beispiel der Mutter geschildert, der der alleinerziehende Mutter, die selbstständig war,
Da ist die Familie noch mehr zusammengewachsen, hat sie erzählt. Die haben sehr, sehr viel Zeit miteinander verbracht und sie meinte, die Beziehung zu ihren Kindern hat sich sogar intensiviert, sogar auf,
gar nicht nur positive Art und Weise, sie hat ein bisschen Angst, dass es zu eng geworden ist, weil die Kinder jetzt sehr an ihrer Mutter hängen und weniger emanzipiert sind als vor der Krise,
anderen Familien war es so, dass es ähm,
auch konfliktbehafteter war, also dass dann schon irgendwie der Sohn keinen Fußball mehr spielen wollte und das so ein Dauerkonflikt war, der sowohl im Interview ähm kommuniziert wurde als auch,
also am Rande des Interviews in der Kommunikation danach irgendwie, dass dass die Eltern schon irgendwie versucht haben, ihn in die Richtung zu drängen, dass er doch bitte mal sich wieder neu selbst beschäftigen möge und sich einen neuen Zeitvertreib suchen möge, der nicht Computerspielen ist,
Ja das ist wie gesagt sehr sehr unterschiedlich.
Marlene Müller-Brandeck
Sie hatten jetzt ähm viel auf die räumlichen Unterschiede auch äh ähm hingewiesen. Könnten Sie vielleicht auf den Punkt bringen, was denn der größte Ungleichheitsfaktor war, den sie beobachtet haben zwischen netten verschiedenen Familien.
Lorenz Gaedke
Ja ähm,
Also klar Raum ist auf jeden Fall ähm ein sehr großer Ungleichsfaktor, also diese krasse Gegenüberstellung, deswegen habe ich das Beispiel auch gebracht, ist ja tatsächlich das mit dem Raum für Freizeit.
Ähm aber auch die Zeitbudgets, das sind auch so finde ich große Unterschiede. Also wie viel Zeit steht zur Verfügung für Familie und ähm alles andere das sind auch so große Unterschiede,
Wir sind auch wie gesagt ja noch nicht fertig. Also ich habe ja auch darauf hingewiesen, dass unser Viertel momentan äh unser Sample momentan eher noch sehr einseitig ist und es fehlen grad noch so ein bisschen die Fälle, die das kontrastieren. Ähm genau. Aber wir sind dran.
Katharina Manderscheid
Es ist lassen sich auch in den quantitativen Daten Unterschiede feststellen, ähm natürlich nach Wohnsituation wie auch die Belastung, die subjektiv angegebene Belastung durch die Pandemie sich auswirkt, ähm die dann eben grade auch in
ähm die durch eine,
Hochhausstruktur beispielsweise ähm charakterisiert werden können. Ähm sehr viel stärker offenbar ausfällt als in diesen ähm eher bürgerlichen Siedlungen
Wir haben dann aber auch quantitativ noch einen sehr interessanten Unterschied ähm in der durchschnittlichen Betroffenheit und Belastung durch die Pandemie in den beiden Städten festgestellt, die in
Bremerhaven offenbar einfach sehr viel stärker ausfällt als in Schwerin, ähm dass es da offenbar auch so ein Rahmenfaktor gibt, der jetzt über die eigene Wohnung
Wohnumfeld drüber rausgeht,
Da sind wir auch noch nicht in alle Tiefen der Daten vorgedrungen. Das ist was, was dann in den nächsten Schritten folgt, auch zu
ergründen, was ist es? Gibt es da tatsächlich so ein stadtspezifischen Faktor?
Oder lässt es sich auch sozioökonomisch erklären, dieser große Unterschied zwischen Schwerin und Bremerhaven?
Marlene Müller-Brandeck
Wir sind jetzt leider schon fast am Ende der Zeit angekommen, ähm aber eine Frage hätte ich noch, ähm weil sie's jetzt ja auch schon angedeutet haben. Mich würde interessieren, wie jetzt die Studie weitergeht, was für ähm weitere Erhebungen sie noch vorhaben.
Und vielleicht auch was sie für einen Ausblick geben können wenn jetzt wieder ein Corona Winter kommt was irgendwie am meisten zu einer Verbesserung der Situation für Familien beitragen würde.
Lorenz Gaedke
Ich glaube, das kann man ganz einfach beantworten. Die Schulen und Betreuungseinrichtungen müssen offen bleiben,
Also das war der größte Stressfaktor für Familien, dass die Kinder zu Hause waren und zu Hause auch betreut werden mussten, also dass die Eltern nicht nur ihre Arbeit hatten, sondern auch gleichzeitig noch für die Beschulung und Betreuung ihrer Kinder sorgen mussten.
Ähm wenn also das wäre wirklich das Wichtigste, dass egal wie sich die Zahlen weiterentwickeln, dass die Kinder weiterhin äh in die Schule und in die Kindergärten gehen können.
Und dann noch Ausblick auf unsere Studie. Also ähm uns fehlen jetzt noch wir wollen pro Stadt,
Zehn Familien befragen. Wir sind jetzt auf einem ganz guten Weg, hoffen, dass wir das bis zum Ende des Jahres abgeschlossen haben und dann werden wir die Daten auswerten. Wir haben auch schon im Bremerhaven zum Beispiel äh einen Termin, um,
der Politik unsere Ergebnisse vorzustellen,
Und hoffen, dass wir auch in äh Schwerin zum Beispiel im Schweriner Süden eine Veranstaltung organisieren können, äh auf der wir dann mit Schwerinerinnen und Schwerinerinnen unsere Ergebnisse diskutieren können, um halt auch,
unsere Forschung so ein bisschen aus der Wissenschaft rauszutragen und auch wieder in die Gesellschaft reinzu.
Katharina Manderscheid
Es war auch oder ist auch angedacht ähm die Studie fortzusetzen, weil Corona ist ja auch so,
Phänomen, was noch nicht ganz ähm klar ist, wie lange es uns beschäftigen wird ähm und da auch die Idee, dass wir die ähm Erhebung immer wieder ähm aktualisieren, Familien wieder befragen und auch.
Quantitative Erhebung fortsetzen, das ist im Moment auch noch,
Punkt, da fehlen uns die Finanzierungsmittel ähm um die Studie fortzusetzen.
Marlene Müller-Brandeck
Vortrag den Lorenz Gerdke und Katharina Manderscheid in unserem digitalen Kolloquium am 17. November 2021 gehalten haben. Wir hoffen, dass Sie ein paar Anregungen mitnehmen konnten. Wenn Sie mögen, dann abonnieren und teilen Sie doch gerne den.
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Das Zuhören. Bis zum nächsten.