Fraya Frehse: Gegenwärtige Räumlichkeiten sozialer Interaktionen und post-Corona-Urbanität in São Paulo (Brasilien)

Wenn Urbanit√§t auf der Pluralit√§t sozialer Alltagsinteraktionen im Stadtraum beruht, dann ist sie auch zeitlich: Interaktionen produzieren Raum. Zeit-raumsoziologisch befragt Fraya Frehse, was die R√§umlichkeiten von (nicht-)verbalen Interaktionen bzgl. der Corona-Ma√ünahmen in S√£o Paulo √ľber diese Stadt nach Corona aussagen. Soziale Ungleichheiten historischer Natur verweben sich r√§umlich mit der Corona-Krise so, dass f√ľnf Typen von post-Corona-Urbanit√§t zum Vorschein kommen.

Fraya Frehse ist seit 2006 Professorin f√ľr Soziologie (Schwerpunkt Alltags-, Stadt- und Raumsoziologie) an der Universidade de S√£o Paulo.

Moderation: Florian Binder

Stefan Liebig und Simon K√ľhne: Drei Monate leben unter Corona-Beschr√§nkungen. Zentrale Ergebnisse aus der SOEP-CoV-Studie

Im Zeitraum April bis Juni wurden mehr als 6000 Personen aus Haushalten, die an den j√§hrlichen Erhebungen des Sozio-oekonomischen Panels teilnehmen, zu ihrer Lebenssituation in der Pandemie und ihren Wahrnehmungen und Bewertungen befragt. Damit ist es m√∂glich, sowohl Ver√§nderungen im Vergleich zu den Jahren vorher, als auch Dynamiken √ľber den Beobachtungszeitraum hinweg festzustellen. In diesem Beitrag berichten Simon K√ľhne und Stefan Liebig zentrale Ergebnisse mit Blick auf die sozio-√∂konomische Situation der Haushalte, die Art und Weise, wie sie mit den sozialen und √∂konomischen Einschr√§nkungen durch die Pandemie umgegangen sind und wie sich dies im subjektiven Wohlbefinden und der psychischen Verfasstheit widerspiegelt.

Stefan Liebig ist Direktor des Sozio-oekonomischen Panels sowie wissenschaftliches Vorstandsmitglied des DIW Berlin. Zudem ist er seit 2019 Professor f√ľr Soziologie an der Freien Universit√§t Berlin.
Simon K√ľhne arbeitet am Lehrstuhl f√ľr Methoden der empirischen Sozialforschung mit dem Schwerpunkt quantitative Methoden der Fakult√§t f√ľr Soziologie der Universit√§t Bielefeld.

Moderation: Joshua Perleberg

Anja Weiß: Wie genau ändert Corona die Struktur sozialer Ungleichheiten?

Im Kolloquium wurde immer wieder die Wirkung der Corona-Pandemie auf soziale Ungleichheiten thematisiert ‚Äď wohl eine der wichtigsten Aufgaben, die die Soziologie bei der wissenschaftlichen Analyse der Krise hat. Empirisch nachzuvollziehen, welche Wirkungen die Krise hat, ist dabei die eine Herausforderung ‚Äď sie theoretisch zu konzeptionieren die andere.

In ihrem Vortrag vom 28. Oktober 2020 machte Anja Wei√ü einen Vorschlag, der Vielfalt von Ungleichheitsstrukturen gerecht zu werden. Im Zentrum steht dabei die Annahme, dass soziale Ressourcen nur in bestimmten Kontextrelationen umgesetzt werden k√∂nnen. Auf solche Relationen hat die Corona-Pandemie unterschiedliche Folgen. So verst√§rkt sie zwar bestehende Ungleichheiten, bringt aber auch neue hervor ‚Äď etwa einem Cleavage zwischen Personen, die unter k√∂rperlicher Ko-Pr√§senz arbeiten m√ľssen, und solchen, die raumzeitlich zunehmend Flexibilit√§t gewinnen.

Anja Wei√ü ist Professorin f√ľr Soziologie an der Universit√§t Duisburg-Essen mit Schwerpunkt Makrosoziologie und transnationale Prozesse.

Moderation: Jan Wetzel

Marius Meinhof: Orientalismus und Covid-19

Koloniale Stereotype, die bis heute in der Darstellung Chinas nachwirken, haben die fr√ľhe Berichterstattung um Covid-19 in China beeinflusst und ein Fundament f√ľr eklatante Fehleinsch√§tzungen der Pandemie und der chinesischen Strategien der Pandemiebek√§mpfung geschaffen.

In seinem Vortrag legt Marius Meinhof den Schwerpunkt auf orientalistische Stereotypisierungen. Er zeigt, wie zun√§chst vom sp√§ten Januar bis zum fr√ľhen M√§rz ein Neuer Orientalismus, der China als das autorit√§re Andere darstellt, die Berichterstattung pr√§gte, und ab April ein Reflexiver Orientalismus aufkommt, der den Neuen Orientalismus reflexiv als Strategie zum Schutz der Demokratie rechtfertigt.

Marius Meinhof ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universität Dresden. Der regionale Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf China.

Moderation: Sandra Leumann

Lea Eileen Pöhls: Familienessen im Corona-Lockdown. Veränderungen der sozialen Gestaltung von Mahlzeiten

In der Zeit des Corona-Lockdowns unterliegt der Familienalltag wesentlichen Ver√§nderungen, da Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung koordiniert werden m√ľssen. Auch die Organisation des Essalltags bedarf h√§ufig neuer Gestaltung, da Schulen und Kitas geschlossen sind und keine Verpflegung au√üer Haus stattfindet. In ihrem Vortrag stellt Lea Eileen P√∂hls dar, inwieweit der mit dem Coronavirus begr√ľndete Lockdown zu einer Ver√§nderung der sozialen Gestaltung von Mahlzeiten in der Familie f√ľhrt und st√ľtzt sich auf die Auswertung von Ern√§hrungstageb√ľchern, die in zwei Etappen erhoben wurden: das Ern√§hrungstagebuch 1.0 vor der Corona-Krise und das Ern√§hrungstagebuch 2.0 w√§hrend des Corona-Lockdowns. Die Ergebnisse wurden explizit in Bezug auf die beruflichen Ver√§nderungen der Eltern w√§hrend des Lockdowns analysiert.

Lea Eileen P√∂hls ist Promotionsstudentin an der WISO Graduate School der Universit√§t Hamburg. Die in Ihrem Vortrag vorgestellten Ergebnisse beruhen auf Erhebungen, die im Rahmen ihres Dissertationsprojekts durchgef√ľhrt wurden.

Moderation: Florian Binder

Verwandte Episoden

Johannes Weyer: Krisenmanagement. Steuerungsfähigkeit des Staates und Akzeptanz der Bevölkerung

Der Erfolg eines Krisenmanagements in Corona-Gesellschaften hängt von der Steuerungsfähigkeit des Staates, aber auch der Bereitschaft der Menschen ab, den Empfehlungen der Politik zu folgen und ihr Verhalten entsprechend anzupassen. In seinem Vortrag vom 21. Oktober 2020 stellte Johannes Weyer Ergebnisse aktueller empirischer Studien zu beiden Themenkomplexen vor. Er entwickelt zudem Vorschläge, mit welchen Methoden die Soziologie denkbare Zukunftsszenarien durchspielen und so zum gesellschaftlichen Krisenmanagement beitragen kann.

Johannes Weyer ist Professor f√ľr Techniksoziologie an der Technischen Universit√§t Dortmund. Er befasst sich mit der Mensch-Maschine-Interaktion in hochautomatisierten Systemen, der Steuerung (und Transformation) komplexer soziotechnischer Systeme sowie der Echtzeitgesellschaft.

Moderation: Jan Wetzel

Verwandte Episoden

Lisa Suckert: Zeitsoziologische Perspektiven. Die Corona-Krise als Ersch√ľtterung des kapitalistischen Zeitregimes

In ihrem Vortrag machte Lisa Suckert darauf aufmerksam, dass die Corona-Krise nicht nur zu einer Refiguration des Raumes, sondern auch der zeitlichen Ordnung der Gesellschaft gef√ľhrt hat.

Die Pandemie macht einen Umgang mit Zeit erforderlich, der mit der vorherrschenden kapitalistischen Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft kollidiert. Statt Beschleunigung und Wachstum gilt es zu verlangsamen und geduldig zu bleiben. St√§rker selbst zu leistende Sorgearbeit kostet Zeit, die f√ľr Erwerbsarbeit und Konsum fehlt. Die Vorstellung einer plan- undgestaltbaren Zukunft wird durch radikale Unsicherheit verdr√§ngt. Covid ersch√ľttert das kapitalistische Zeitregime, l√§sst aber auch dessen Eigenheiten, Paradoxien und Schwachstellen besonders deutlich hervortreten.

Lisa Suckert ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut f√ľr Gesellschaftsforschung in K√∂ln. In ihrer wirtschaftssoziologischen Forschung setzt sie sich mit den Themen Kapitalismus, Zukunftsvorstellungen, Konventionen und Diskurse sowie Nachhaltigem Wirtschaften auseinander.

Moderation: Michelle Boden

Klaus Kraemer: Wirtschaftliches Handeln im Erwartungsvakuum. Der Shutdown der Eventökonomie aus wirtschaftssoziologischer Sicht

In seinem Beitrag richtete Klaus Kraemer den Blick auf die soziologischen Besonderheiten der aktuellen Wirtschaftskrise als einer Begleit- und Folgekrise der Covid-19-Pandemie. Die Basis bildete dabei die wirtschaftssoziologische Grund√ľberlegung, dass Wirtschaft solange eine stabile soziale Ordnung ausbildet, wie die Erwartungen der Marktakteure in die Zahlungsf√§higkeit und Vertragserf√ľllung aller anderen Marktteilnehmer nicht fortlaufend entt√§uscht werden. Ausgehend davon illustrierte er die Bedeutung von kollektiver Dissoziation f√ľr die Aufrechterhaltung elementarer wirtschaftlicher Aktivit√§ten in der Phase des Shutdowns am Beispiel von Unternehmen der Event√∂konomie.

Klaus Kraemer ist Professor f√ľr Angewandte Soziologie: Wirtschaft/Organisation, soziale Probleme am Institut f√ľr Soziologie der Karl-Franzens-Universit√§t Graz. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Wirtschaftssoziologie.

Moderation: Sandra Leumann

Hans-Werner Wahl und Anna Schlomann: √Ąltere Menschen in der COVID-19-Krise: Zwischen Trauma und Adaptation

√Ąltere Menschen sind in besonderer Weise von der Corona-Pandemie betroffen. So trugen Pflegeheimbewohner*innen am st√§rksten zur Gesamtmortalit√§t in der ersten Phase der Corona-Krise bei. Aber auch √§ltere Menschen in Privathaushalten sind auf unterschiedliche Weise betroffen. Beispielsweise wurden durch die Einstufung als ‚ÄěRisikogruppe‚Äú allein aufgrund des Alters negative Altersstereotype und ein defizitorientiertes Bild des Alterns verst√§rkt. Zudem waren viele vorher selbstverst√§ndliche Aktivit√§ten, vor allem der Kontakt zu Verwandten und Freunden, pl√∂tzlich nicht mehr m√∂glich.

Hans-Werner Wahl fragt, ob dies alles auch √Ąlteren in Privathaushalten geschadet hat, oder ob gerade die √Ąlteren mit ihrer Lebenserfahrung besonders gut gewappnet sind, die Corona-Erfahrungen ‚Äěwegzustecken‚Äú? Daf√ľr vergleicht er die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Zufriedenheit mit sozialen Kontakten sowie auf die allgemeine Lebenszufriedenheit von Personen im mittleren und h√∂heren Alter.

Hans-Werner Wahl ist Seniorprofessor f√ľr Psychologie und einer der Direktoren des Netzwerks Alternsforschung an der Universit√§t Heidelberg. Sein besonderes Forschungsinteresse gilt der Lebensspannen- und Alterspsychologie. Den Vortrag hat er zusammen mit Anna Schlomann erarbeitet, die als Postdoktorandin und u.a. zum Thema Digitalisierung im Kontext von alternden Bev√∂lkerungen forscht.

Moderation: Sandra Leumann

Alexander Bogner: Zwischen Virologie und Verschwörungstheorie: Expertise in der Coronakrise

Am 7. Oktober 2020 hielt Alexander Bogner einen Vortrag mit dem Titel: ‚ÄěZwischen Virologie und Verschw√∂rungstheorie: Expertise in der Coronakrise‚Äú. Grundthese ist, dass in der Wissensgesellschaft viele Konflikte als Auseinandersetzungen um das richtige Wissen ausgetragen getragen werden. In diesen Wissenskonflikten, so Bogner, unterst√ľtze der Primat der Wissenschaft eine Politik der Alternativlosigkeit. Politischer Protest artikuliere sich daher oft als anti-rationalistisches Ressentiment. Alternative Fakten stehen alternativloser Politik gegen√ľber.

Alexander Bogner ist Dozent f√ľr Soziologie an der Universit√§t Wien und Senior Scientist an der √Ėsterreichischen Akademie der Wissenschaften. Er ist derzeit Vorsitzender der √Ėsterreichischen Gesellschaft f√ľr Soziologie.

Moderation: Jan Wetzel