Johannes Weyer: Krisenmanagement. SteuerungsfÀhigkeit des Staates und Akzeptanz der Bevölkerung

Der Erfolg eines Krisenmanagements in Corona-Gesellschaften hÀngt von der SteuerungsfÀhigkeit des Staates, aber auch der Bereitschaft der Menschen ab, den Empfehlungen der Politik zu folgen und ihr Verhalten entsprechend anzupassen. In seinem Vortrag vom 21. Oktober 2020 stellte Johannes Weyer Ergebnisse aktueller empirischer Studien zu beiden Themenkomplexen vor. Er entwickelt zudem VorschlÀge, mit welchen Methoden die Soziologie denkbare Zukunftsszenarien durchspielen und so zum gesellschaftlichen Krisenmanagement beitragen kann.

Johannes Weyer ist Professor fĂŒr Techniksoziologie an der Technischen UniversitĂ€t Dortmund. Er befasst sich mit der Mensch-Maschine-Interaktion in hochautomatisierten Systemen, der Steuerung (und Transformation) komplexer soziotechnischer Systeme sowie der Echtzeitgesellschaft.

Moderation: Jan Wetzel

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Lisa Suckert: Zeitsoziologische Perspektiven. Die Corona-Krise als ErschĂŒtterung des kapitalistischen Zeitregimes

In ihrem Vortrag machte Lisa Suckert darauf aufmerksam, dass die Corona-Krise nicht nur zu einer Refiguration des Raumes, sondern auch der zeitlichen Ordnung der Gesellschaft gefĂŒhrt hat.

Die Pandemie macht einen Umgang mit Zeit erforderlich, der mit der vorherrschenden kapitalistischen Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft kollidiert. Statt Beschleunigung und Wachstum gilt es zu verlangsamen und geduldig zu bleiben. StĂ€rker selbst zu leistende Sorgearbeit kostet Zeit, die fĂŒr Erwerbsarbeit und Konsum fehlt. Die Vorstellung einer plan- undgestaltbaren Zukunft wird durch radikale Unsicherheit verdrĂ€ngt. Covid erschĂŒttert das kapitalistische Zeitregime, lĂ€sst aber auch dessen Eigenheiten, Paradoxien und Schwachstellen besonders deutlich hervortreten.

Lisa Suckert ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut fĂŒr Gesellschaftsforschung in Köln. In ihrer wirtschaftssoziologischen Forschung setzt sie sich mit den Themen Kapitalismus, Zukunftsvorstellungen, Konventionen und Diskurse sowie Nachhaltigem Wirtschaften auseinander.

Moderation: Michelle Boden

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Klaus Kraemer: Wirtschaftliches Handeln im Erwartungsvakuum. Der Shutdown der Eventökonomie aus wirtschaftssoziologischer Sicht

In seinem Beitrag richtete Klaus Kraemer den Blick auf die soziologischen Besonderheiten der aktuellen Wirtschaftskrise als einer Begleit- und Folgekrise der Covid-19-Pandemie. Die Basis bildete dabei die wirtschaftssoziologische GrundĂŒberlegung, dass Wirtschaft solange eine stabile soziale Ordnung ausbildet, wie die Erwartungen der Marktakteure in die ZahlungsfĂ€higkeit und VertragserfĂŒllung aller anderen Marktteilnehmer nicht fortlaufend enttĂ€uscht werden. Ausgehend davon illustrierte er die Bedeutung von kollektiver Dissoziation fĂŒr die Aufrechterhaltung elementarer wirtschaftlicher AktivitĂ€ten in der Phase des Shutdowns am Beispiel von Unternehmen der Eventökonomie.

Klaus Kraemer ist Professor fĂŒr Angewandte Soziologie: Wirtschaft/Organisation, soziale Probleme am Institut fĂŒr Soziologie der Karl-Franzens-UniversitĂ€t Graz. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Wirtschaftssoziologie.

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Sandra Leumann

Hans-Werner Wahl und Anna Schlomann: Ältere Menschen in der COVID-19-Krise: Zwischen Trauma und Adaptation

Ältere Menschen sind in besonderer Weise von der Corona-Pandemie betroffen. So trugen Pflegeheimbewohner*innen am stĂ€rksten zur GesamtmortalitĂ€t in der ersten Phase der Corona-Krise bei. Aber auch Ă€ltere Menschen in Privathaushalten sind auf unterschiedliche Weise betroffen. Beispielsweise wurden durch die Einstufung als „Risikogruppe“ allein aufgrund des Alters negative Altersstereotype und ein defizitorientiertes Bild des Alterns verstĂ€rkt. Zudem waren viele vorher selbstverstĂ€ndliche AktivitĂ€ten, vor allem der Kontakt zu Verwandten und Freunden, plötzlich nicht mehr möglich.

Hans-Werner Wahl fragt, ob dies alles auch Älteren in Privathaushalten geschadet hat, oder ob gerade die Älteren mit ihrer Lebenserfahrung besonders gut gewappnet sind, die Corona-Erfahrungen „wegzustecken“? DafĂŒr vergleicht er die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Zufriedenheit mit sozialen Kontakten sowie auf die allgemeine Lebenszufriedenheit von Personen im mittleren und höheren Alter.

Hans-Werner Wahl ist Seniorprofessor fĂŒr Psychologie und einer der Direktoren des Netzwerks Alternsforschung an der UniversitĂ€t Heidelberg. Sein besonderes Forschungsinteresse gilt der Lebensspannen- und Alterspsychologie. Den Vortrag hat er zusammen mit Anna Schlomann erarbeitet, die als Postdoktorandin und u.a. zum Thema Digitalisierung im Kontext von alternden Bevölkerungen forscht.

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Sandra Leumann

Alexander Bogner: Zwischen Virologie und Verschwörungstheorie: Expertise in der Coronakrise

Am 7. Oktober 2020 hielt Alexander Bogner einen Vortrag mit dem Titel: „Zwischen Virologie und Verschwörungstheorie: Expertise in der Coronakrise“. Grundthese ist, dass in der Wissensgesellschaft viele Konflikte als Auseinandersetzungen um das richtige Wissen ausgetragen getragen werden. In diesen Wissenskonflikten, so Bogner, unterstĂŒtze der Primat der Wissenschaft eine Politik der Alternativlosigkeit. Politischer Protest artikuliere sich daher oft als anti-rationalistisches Ressentiment. Alternative Fakten stehen alternativloser Politik gegenĂŒber.

Alexander Bogner ist Dozent fĂŒr Soziologie an der UniversitĂ€t Wien und Senior Scientist an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Er ist derzeit Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft fĂŒr Soziologie.

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Jan Wetzel

Michaela Kreyenfeld und Sabine Zinn: VĂ€terliches Engagement in der Coronakrise

Der Ausbruch der Corona-Pandemie hat das Leben von Familien maßgeblich beeinflusst. WĂ€hrend des ‚Lockdowns‘ im FrĂŒhjahr 2020 wurden Schulen, KindergĂ€rten und SpielplĂ€tze geschlossen. Auf die Betreuung durch Großeltern konnten MĂŒtter und VĂ€ter wĂ€hrend dieser Zeit ebenso wenig zurĂŒckgreifen wie auf die Betreuung durch Babysitter oder andere ‚haushaltsfremde‘ Personen.  Vor dem Hintergrund der ohnehin sehr traditionellen Strukturen in Deutschland wurde erwartet, dass die Corona-Krise einer Re-Traditionalisierung der familialen Verhaltensweisen Vorschub leisten könnte.

In ihrem Beitrag schließen Michaela Kreyenfeld und Sabine Zinn sich an diese Debatte an, in dem sie untersuchen, wie sich die Zeit, die MĂŒtter und VĂ€ter mit ihren Kindern verbringen, im Zuge des Lockdowns verĂ€ndert hat. Als Datenbasis dienen das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) aus dem Jahr 2019 sowie die Zusatzbefragung SOEP-Cov, die 2020 im Feld war.

Michaela Kreyenfeld ist Professorin fĂŒr Soziologie an der Hertie School. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Familiendemographie, Lebenslaufanalyse, Sozialpolitik und Migration. Sabine Zinn leitet den Bereich Surveymethodik und -management am Sozio-oekonomischen Panel.

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Joshua Perleberg

Armin Nassehi: Was heißt es, auf die Wissenschaft zu hören?

Am 30. September ist die „zweite Staffel“ des Kolloquiums gestartet. Den Auftakt bildete ein Vortrag von Armin Nassehi. In seinem Impuls reflektierte er die VerĂ€nderungen, die die Krise sowohl fĂŒr den innerwissenschaftlichen Diskurs, als auch im Kontakt der Wissenschaft mit der Öffentlichkeit mit sich bringt. Sein Vortrag trĂ€gt den Titel: „Was heißt es, auf die Wissenschaft zu hören? Friktionen zwischen Wissenschaft und ihrem Publikum wĂ€hrend der Covid-Krise“.

Armin Nassehi ist Professor fĂŒr Allgemeine Soziologie und Gesellschaftstheorie an der LMU MĂŒnchen und organisiert das Kolloquium mit.

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Jan Wetzel

Jutta Allmendinger und Jan Wetzel: Vertrauen und Kontrolle in der Corona-Krise

Gesellschaftliches Zusammenleben ist auf Vertrauensbeziehungen angewiesen. Ob Politik, Medien oder auch nur die eigenen Nachbarn: Man kann andere niemals vollstĂ€ndig kontrollieren, braucht also Vertrauen. Gleichzeitig kann Vertrauen nur schenken, wer ein Mindestmaß an Kontrolle ĂŒber sich und seine Umwelt hat. Die Coronakrise ist in diesem Sinne auch eine Vertrauenskrise. Sie hinterfragt SelbstverstĂ€ndlichkeiten des Alltags, bringt Kontrollverlust mit sich, und damit auch AnlĂ€sse zum Misstrauen.

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Ellen von den Driesch

Michaela Pfadenhauer: Corona-Pandemie – Expertokratie oder Aufwind fĂŒr die Profession?

In Ihrem Vortrag betrachtet Michaela Pfadenhauer die Folgen der Coronakrise aus Sicht einer Professionssoziologin. Die BefĂŒrchtung einer Expertokratie ist eine Begleiterscheinung nicht erst der Corona-Pandemie, sondern eine Sorge, die seit den 1960er Jahren im Hinblick insbesondere auf die Medizin zu hören ist und nicht nur als Bevormundung der Politik, sondern auch als EntmĂŒndigung der Laien thematisiert wird. Wenn aber Politik und BĂŒrger entmachtet werden, um wessen Herrschaft geht es gegenwĂ€rtig gegebenenfalls: um die ErmĂ€chtigung der wissenschaftlichen Disziplin Virologie, die der verbeamteten Forscher des Robert-Koch-Instituts oder der medizinischen Profession? GegenĂŒber deren generellem Niedergang scheint zumindest diese eine Profession im Aufwind zu sein, wenn zur EindĂ€mmung der Corona-Pandemie das Gesundheitssystem allen anderen Teilsystemen ĂŒbergeordnet wird, weil es „um Leben und Tod“ geht.

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Jan Wetzel

Alena Buyx: SolPan – Erste Erfahrungen aus einer multinationalen qualitativen Studie zur SolidaritĂ€t und anderen Werten zur Zeiten des Lockdowns in der Corona-Krise

Welche Motive und die ihnen zugrundeliegenden Werte bewegen Menschen dazu, sich solidarisch in der Corona-Krise zu verhalten? Diese Frage kann nicht ausschließlich mit quantitativen Surveys, wie sie derzeit in grĂ¶ĂŸerem Umfang stattfinden, beantwortet werden. FĂŒr ein tieferes VerstĂ€ndnis des menschlichen Verhaltens und Entscheidungsprozesses in der Zeit der Corona-Pandemie sind qualitative Datenerhebungen und Analysen unerlĂ€sslich und dennoch weiterhin rar.

In ihrem Vortrag stellt Alena Buyx eine multinationale Studie des SolPan-Konsortiums vor. In dieser werden aus einer qualitativen Perspektive in neun verschiedenen Staaten die BeweggrĂŒnde zum solidarischen Handeln anhand von Interviews untersucht. Der Vortrag lieferte Einblicke in die Forschungspraxis unter hohem Zeitdruck und in die Methodologie der Studie.

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Melinda Erdmann