Lea Eileen Pöhls: Familienessen im Corona-Lockdown. Veränderungen der sozialen Gestaltung von Mahlzeiten

In der Zeit des Corona-Lockdowns unterliegt der Familienalltag wesentlichen Veränderungen, da Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung koordiniert werden müssen. Auch die Organisation des Essalltags bedarf häufig neuer Gestaltung, da Schulen und Kitas geschlossen sind und keine Verpflegung außer Haus stattfindet. In ihrem Vortrag stellt Lea Eileen Pöhls dar, inwieweit der mit dem Coronavirus begründete Lockdown zu einer Veränderung der sozialen Gestaltung von Mahlzeiten in der Familie führt und stützt sich auf die Auswertung von Ernährungstagebüchern, die in zwei Etappen erhoben wurden: das Ernährungstagebuch 1.0 vor der Corona-Krise und das Ernährungstagebuch 2.0 während des Corona-Lockdowns. Die Ergebnisse wurden explizit in Bezug auf die beruflichen Veränderungen der Eltern während des Lockdowns analysiert.

Lea Eileen Pöhls ist Promotionsstudentin an der WISO Graduate School der Universität Hamburg. Die in Ihrem Vortrag vorgestellten Ergebnisse beruhen auf Erhebungen, die im Rahmen ihres Dissertationsprojekts durchgeführt wurden.

Moderation: Florian Binder

Johannes Weyer: Krisenmanagement. Steuerungsfähigkeit des Staates und Akzeptanz der Bevölkerung

Der Erfolg eines Krisenmanagements in Corona-Gesellschaften hängt von der Steuerungsfähigkeit des Staates, aber auch der Bereitschaft der Menschen ab, den Empfehlungen der Politik zu folgen und ihr Verhalten entsprechend anzupassen. In seinem Vortrag vom 21. Oktober 2020 stellte Johannes Weyer Ergebnisse aktueller empirischer Studien zu beiden Themenkomplexen vor. Er entwickelt zudem Vorschläge, mit welchen Methoden die Soziologie denkbare Zukunftsszenarien durchspielen und so zum gesellschaftlichen Krisenmanagement beitragen kann.

Johannes Weyer ist Professor für Techniksoziologie an der Technischen Universität Dortmund. Er befasst sich mit der Mensch-Maschine-Interaktion in hochautomatisierten Systemen, der Steuerung (und Transformation) komplexer soziotechnischer Systeme sowie der Echtzeitgesellschaft.

Moderation: Jan Wetzel

Lisa Suckert: Zeitsoziologische Perspektiven. Die Corona-Krise als Erschütterung des kapitalistischen Zeitregimes

In ihrem Vortrag machte Lisa Suckert darauf aufmerksam, dass die Corona-Krise nicht nur zu einer Refiguration des Raumes, sondern auch der zeitlichen Ordnung der Gesellschaft geführt hat.

Die Pandemie macht einen Umgang mit Zeit erforderlich, der mit der vorherrschenden kapitalistischen Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft kollidiert. Statt Beschleunigung und Wachstum gilt es zu verlangsamen und geduldig zu bleiben. Stärker selbst zu leistende Sorgearbeit kostet Zeit, die für Erwerbsarbeit und Konsum fehlt. Die Vorstellung einer plan- undgestaltbaren Zukunft wird durch radikale Unsicherheit verdrängt. Covid erschüttert das kapitalistische Zeitregime, lässt aber auch dessen Eigenheiten, Paradoxien und Schwachstellen besonders deutlich hervortreten.

Lisa Suckert ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. In ihrer wirtschaftssoziologischen Forschung setzt sie sich mit den Themen Kapitalismus, Zukunftsvorstellungen, Konventionen und Diskurse sowie Nachhaltigem Wirtschaften auseinander.

Moderation: Michelle Boden

Klaus Kraemer: Wirtschaftliches Handeln im Erwartungsvakuum. Der Shutdown der Eventökonomie aus wirtschaftssoziologischer Sicht

In seinem Beitrag richtete Klaus Kraemer den Blick auf die soziologischen Besonderheiten der aktuellen Wirtschaftskrise als einer Begleit- und Folgekrise der Covid-19-Pandemie. Die Basis bildete dabei die wirtschaftssoziologische Grundüberlegung, dass Wirtschaft solange eine stabile soziale Ordnung ausbildet, wie die Erwartungen der Marktakteure in die Zahlungsfähigkeit und Vertragserfüllung aller anderen Marktteilnehmer nicht fortlaufend enttäuscht werden. Ausgehend davon illustrierte er die Bedeutung von kollektiver Dissoziation für die Aufrechterhaltung elementarer wirtschaftlicher Aktivitäten in der Phase des Shutdowns am Beispiel von Unternehmen der Eventökonomie.

Klaus Kraemer ist Professor für Angewandte Soziologie: Wirtschaft/Organisation, soziale Probleme am Institut für Soziologie der Karl-Franzens-Universität Graz. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Wirtschaftssoziologie.

Moderation: Sandra Leumann

Hans-Werner Wahl und Anna Schlomann: Ältere Menschen in der COVID-19-Krise: Zwischen Trauma und Adaptation

Ältere Menschen sind in besonderer Weise von der Corona-Pandemie betroffen. So trugen Pflegeheimbewohner*innen am stärksten zur Gesamtmortalität in der ersten Phase der Corona-Krise bei. Aber auch ältere Menschen in Privathaushalten sind auf unterschiedliche Weise betroffen. Beispielsweise wurden durch die Einstufung als „Risikogruppe“ allein aufgrund des Alters negative Altersstereotype und ein defizitorientiertes Bild des Alterns verstärkt. Zudem waren viele vorher selbstverständliche Aktivitäten, vor allem der Kontakt zu Verwandten und Freunden, plötzlich nicht mehr möglich.

Hans-Werner Wahl fragt, ob dies alles auch Älteren in Privathaushalten geschadet hat, oder ob gerade die Älteren mit ihrer Lebenserfahrung besonders gut gewappnet sind, die Corona-Erfahrungen „wegzustecken“? Dafür vergleicht er die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Zufriedenheit mit sozialen Kontakten sowie auf die allgemeine Lebenszufriedenheit von Personen im mittleren und höheren Alter.

Hans-Werner Wahl ist Seniorprofessor für Psychologie und einer der Direktoren des Netzwerks Alternsforschung an der Universität Heidelberg. Sein besonderes Forschungsinteresse gilt der Lebensspannen- und Alterspsychologie. Den Vortrag hat er zusammen mit Anna Schlomann erarbeitet, die als Postdoktorandin und u.a. zum Thema Digitalisierung im Kontext von alternden Bevölkerungen forscht.

Moderation: Sandra Leumann

Alexander Bogner: Zwischen Virologie und Verschwörungstheorie: Expertise in der Coronakrise

Am 7. Oktober 2020 hielt Alexander Bogner einen Vortrag mit dem Titel: „Zwischen Virologie und Verschwörungstheorie: Expertise in der Coronakrise“. Grundthese ist, dass in der Wissensgesellschaft viele Konflikte als Auseinandersetzungen um das richtige Wissen ausgetragen getragen werden. In diesen Wissenskonflikten, so Bogner, unterstütze der Primat der Wissenschaft eine Politik der Alternativlosigkeit. Politischer Protest artikuliere sich daher oft als anti-rationalistisches Ressentiment. Alternative Fakten stehen alternativloser Politik gegenüber.

Alexander Bogner ist Dozent für Soziologie an der Universität Wien und Senior Scientist an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Er ist derzeit Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie.

Moderation: Jan Wetzel

Michaela Kreyenfeld und Sabine Zinn: Väterliches Engagement in der Coronakrise

Der Ausbruch der Corona-Pandemie hat das Leben von Familien maßgeblich beeinflusst. Während des ‚Lockdowns‘ im Frühjahr 2020 wurden Schulen, Kindergärten und Spielplätze geschlossen. Auf die Betreuung durch Großeltern konnten Mütter und Väter während dieser Zeit ebenso wenig zurückgreifen wie auf die Betreuung durch Babysitter oder andere ‚haushaltsfremde‘ Personen.  Vor dem Hintergrund der ohnehin sehr traditionellen Strukturen in Deutschland wurde erwartet, dass die Corona-Krise einer Re-Traditionalisierung der familialen Verhaltensweisen Vorschub leisten könnte.

In ihrem Beitrag schließen Michaela Kreyenfeld und Sabine Zinn sich an diese Debatte an, in dem sie untersuchen, wie sich die Zeit, die Mütter und Väter mit ihren Kindern verbringen, im Zuge des Lockdowns verändert hat. Als Datenbasis dienen das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) aus dem Jahr 2019 sowie die Zusatzbefragung SOEP-Cov, die 2020 im Feld war.

Michaela Kreyenfeld ist Professorin für Soziologie an der Hertie School. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Familiendemographie, Lebenslaufanalyse, Sozialpolitik und Migration. Sabine Zinn leitet den Bereich Surveymethodik und -management am Sozio-oekonomischen Panel.

Moderation: Joshua Perleberg

Armin Nassehi: Was heißt es, auf die Wissenschaft zu hören?

Am 30. September ist die „zweite Staffel“ des Kolloquiums gestartet. Den Auftakt bildete ein Vortrag von Armin Nassehi. In seinem Impuls reflektierte er die Veränderungen, die die Krise sowohl für den innerwissenschaftlichen Diskurs, als auch im Kontakt der Wissenschaft mit der Öffentlichkeit mit sich bringt. Sein Vortrag trägt den Titel: „Was heißt es, auf die Wissenschaft zu hören? Friktionen zwischen Wissenschaft und ihrem Publikum während der Covid-Krise“.

Armin Nassehi ist Professor für Allgemeine Soziologie und Gesellschaftstheorie an der LMU München und organisiert das Kolloquium mit.

Moderation: Jan Wetzel

Jutta Allmendinger und Jan Wetzel: Vertrauen und Kontrolle in der Corona-Krise

Gesellschaftliches Zusammenleben ist auf Vertrauensbeziehungen angewiesen. Ob Politik, Medien oder auch nur die eigenen Nachbarn: Man kann andere niemals vollständig kontrollieren, braucht also Vertrauen. Gleichzeitig kann Vertrauen nur schenken, wer ein Mindestmaß an Kontrolle über sich und seine Umwelt hat. Die Coronakrise ist in diesem Sinne auch eine Vertrauenskrise. Sie hinterfragt Selbstverständlichkeiten des Alltags, bringt Kontrollverlust mit sich, und damit auch Anlässe zum Misstrauen.

Moderation: Ellen von den Driesch

Michaela Pfadenhauer: Corona-Pandemie – Expertokratie oder Aufwind für die Profession?

In Ihrem Vortrag betrachtet Michaela Pfadenhauer die Folgen der Coronakrise aus Sicht einer Professionssoziologin. Die Befürchtung einer Expertokratie ist eine Begleiterscheinung nicht erst der Corona-Pandemie, sondern eine Sorge, die seit den 1960er Jahren im Hinblick insbesondere auf die Medizin zu hören ist und nicht nur als Bevormundung der Politik, sondern auch als Entmündigung der Laien thematisiert wird. Wenn aber Politik und Bürger entmachtet werden, um wessen Herrschaft geht es gegenwärtig gegebenenfalls: um die Ermächtigung der wissenschaftlichen Disziplin Virologie, die der verbeamteten Forscher des Robert-Koch-Instituts oder der medizinischen Profession? Gegenüber deren generellem Niedergang scheint zumindest diese eine Profession im Aufwind zu sein, wenn zur Eindämmung der Corona-Pandemie das Gesundheitssystem allen anderen Teilsystemen übergeordnet wird, weil es „um Leben und Tod“ geht.

Moderation: Joshua Perleberg