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Call for Papers

Im Fr√ľhjahr dieses Jahres haben wir ein digitales Kolloquium √ľber soziologische Perspektiven auf die Corona-Krise eingeladen organisiert. Die Veranstaltungsreihe bot ein wichtiges Forum f√ľr die innerdisziplin√§re Vernetzung und machte sichtbar, welchen Beitrag die Soziologie bei der gesellschaftlichen Bew√§ltigung der Krise beitragen kann.

Vom 30. September bis 25. November werden wir wieder Beitr√§ge versammeln, die die Corona-Pandemie und ihre sozialen Folgen aus den verschiedensten soziologischen Perspektiven in den Blick nehmen. Dabei wird einerseits Gelegenheit sein, auf Vortr√§ge aus der ‚Äěersten Staffel‚Äú zur√ľckzublicken: Welche Prognosen haben sich bewahrheitet, welche nicht? Wo helfen inzwischen gewonnene Daten dabei, das Geschehen zu bewerten? Gleichzeitig bietet uns diese Fortsetzung die Gelegenheit, Themen und Perspektiven zu ber√ľcksichtigen, die bisher gefehlt haben.

Weil wir gute Erfahrungen mit dem Format gemacht haben, werden wir dabei bleiben. Das heißt: Jeden Mittwoch um 11 Uhr zwei Vorträge à 15 Minuten mit anschließend 15 Minuten Diskussion, beginnend ab dem 30. September.

M√∂chten Sie selbst einen Beitrag einreichen? Dann bitten wir Sie, Ihren Vorschlag mit einem (vorl√§ufigen) Titel und einem Abstract (ca. 500 Zeichen) an coronasoziologie@wzb.eu zu senden. Einsendeschluss ist der 20. September 2020, nach der Auswahl melden wir uns z√ľgig bei Ihnen. Wir freuen uns auf Ihre Beitr√§ge!

Viele Gr√ľ√üe

Jutta Allmendinger, Armin Nassehi und das Organisationsteam

Jutta Allmendinger und Jan Wetzel: Vertrauen und Kontrolle in der Corona-Krise

Gesellschaftliches Zusammenleben ist auf Vertrauensbeziehungen angewiesen. Ob Politik, Medien oder auch nur die eigenen Nachbarn: Man kann andere niemals vollst√§ndig kontrollieren, braucht also Vertrauen. Gleichzeitig kann Vertrauen nur schenken, wer ein Mindestma√ü an Kontrolle √ľber sich und seine Umwelt hat. Die Coronakrise ist in diesem Sinne auch eine Vertrauenskrise. Sie hinterfragt Selbstverst√§ndlichkeiten des Alltags, bringt Kontrollverlust mit sich, und damit auch Anl√§sse zum Misstrauen.

Moderation: Ellen von den Driesch

Michaela Pfadenhauer: Corona-Pandemie ‚Äď Expertokratie oder Aufwind f√ľr die Profession?

In Ihrem Vortrag betrachtet Michaela Pfadenhauer die Folgen der Coronakrise aus Sicht einer Professionssoziologin. Die Bef√ľrchtung einer Expertokratie ist eine Begleiterscheinung nicht erst der Corona-Pandemie, sondern eine Sorge, die seit den 1960er Jahren im Hinblick insbesondere auf die Medizin zu h√∂ren ist und nicht nur als Bevormundung der Politik, sondern auch als Entm√ľndigung der Laien thematisiert wird. Wenn aber Politik und B√ľrger entmachtet werden, um wessen Herrschaft geht es gegenw√§rtig gegebenenfalls: um die Erm√§chtigung der wissenschaftlichen Disziplin Virologie, die der verbeamteten Forscher des Robert-Koch-Instituts oder der medizinischen Profession? Gegen√ľber deren generellem Niedergang scheint zumindest diese eine Profession im Aufwind zu sein, wenn zur Eind√§mmung der Corona-Pandemie das Gesundheitssystem allen anderen Teilsystemen √ľbergeordnet wird, weil es ‚Äěum Leben und Tod‚Äú geht.

Moderation: Joshua Perleberg

Alena Buyx: SolPan ‚Äď Erste Erfahrungen aus einer multinationalen qualitativen Studie zur Solidarit√§t und anderen Werten zur Zeiten des Lockdowns in der Corona-Krise

Welche Motive und die ihnen zugrundeliegenden Werte bewegen Menschen dazu, sich solidarisch in der Corona-Krise zu verhalten? Diese Frage kann nicht ausschlie√ülich mit quantitativen Surveys, wie sie derzeit in gr√∂√üerem Umfang stattfinden, beantwortet werden. F√ľr ein tieferes Verst√§ndnis des menschlichen Verhaltens und Entscheidungsprozesses in der Zeit der Corona-Pandemie sind qualitative Datenerhebungen und Analysen unerl√§sslich und dennoch weiterhin rar.

In ihrem Vortrag stellt Alena Buyx eine multinationale Studie des SolPan-Konsortiums vor. In dieser werden aus einer qualitativen Perspektive in neun verschiedenen Staaten die Beweggr√ľnde zum solidarischen Handeln anhand von Interviews untersucht. Der Vortrag lieferte Einblicke in die Forschungspraxis unter hohem Zeitdruck und in die Methodologie der Studie.

Moderation: Melinda Erdmann

Birgit Leyendecker: Familie, Schulen, Bildungsschere ‚Äď gibt es auch Chancen trotz oder wegen der Corona Pandemie?

Die Delegation von außerfamiliärer Bildung und Betreuung an die Familien birgt vielfältiges negatives Potenzial. Alle Familien sind davon betroffen, abhängig von ihren Ressourcen und den jeweiligen Herausforderungen jedoch in sehr unterschiedlichem Maße. Die Verschärfung von Ungleichheit durch die Coronapandemie zeigt sich hier sehr deutlich.

Die Heterogenität in den Schulklassen wird im Hinblick auf den Wissensstand nach den Sommerferien sehr viel größer sein als vorher. Obwohl dies weitgehend bekannt ist, starren wir seit März auf die Pandemiezahlen und vergessen, dass wir auch handeln können statt tatenlos, aber perfekt abzuwarten. Ziel des Beitrags von Birgit Leyendecker ist es zu diskutieren, was wir aus der Coronakrise lernen können warum es gerade jetzt wichtig ist, zu handeln.

Moderation: Joshua Perleberg

Steffen Mau: Die Coronapandemie aus der Perspektive der Grenzforschung

Die Schlie√üung der Grenzen im Zuge der Coronapandemie gilt vielen als Umkehrung des Globalisierungstrends. In seinem Vortrag argumentiert Steffen Mau, dass die Grenzpolitik der Coronakrise zwar eine Z√§sur darstellt, aber schon l√§nger laufende Trends des Bordering akzentuiert. Die Schlie√üung von Grenzen und die Mobilit√§tsabwehr sind keine neuen Ph√§nomene, sondern sie haben die Globalisierung lange begleitet. Dazu geh√∂ren Immobilisierung, Risikopolitik und digitale Kontrolle. Auch die ‚Äěpandemische Grenze‚Äú ist historisch gesehen nicht neu. Nun aber trifft sie auch diejenigen, die lange von der Freiz√ľgigkeit und Prozessen der Entgrenzung profitiert haben.

Moderation: Ellen von den Driesch

Sighard Neckel: Covid-19 ‚Äď Lehrst√ľck f√ľr Klimawandel und Nachhaltigkeit?

In der √Ėffentlichkeit werden gegenw√§rtig zahlreiche Vergleiche gezogen zwischen der Corona-Pandemie und dem Klimawandel. Covid-19 und der drohende Klimakollaps gelten gleicherma√üen als Ausl√∂ser einer Zeitenwende. Sighard Neckel geht in seinem Vortrag daher folgenden Fragen nach: Gibt es Struktur√§hnlichkeiten zwischen dem weltweiten Infektionsgeschehen und der globalen Erw√§rmung und worin genau liegen sie begr√ľndet? Welche bezeichnenden Unterschiede weisen Pandemie und Klimakrise andererseits aber auf? Und lie√üen sich aus einem Vergleich beider Krisenprozesse Schlussfolgerungen f√ľr die Entwicklungspfade ziehen, die eine Gesellschaft der Nachhaltigkeit einschlagen k√∂nnte?

Moderation: Melinda Erdmann

J√ľrgen Gerhards: Europ√§ische Solidarit√§t in der Corona-Krise

Politiker vor allem aus den von der Pandemie besonders betroffenen L√§ndern, aber auch viele Intellektuelle beklagen den Mangel an europ√§ischer Solidarit√§t in der Bew√§ltigung der Corona-Krise. J√ľrgen Gerhards unterzieht diese Diagnose einer kritischen Pr√ľfung und kommt zu dem Ergebnis, dass es um eine europ√§ische Solidarit√§t besser bestellt ist als von vielen vermutet. Die europ√§ischen Institutionen versuchen mit einer Vielzahl von Ma√ünahmen die Handlungsf√§higkeit derjenigen Mitgliedstaaten zu st√§rken, die von der Krise besonders betroffen sind. Und die Bereitschaft der B√ľrger zur europ√§ischen Solidarit√§t ist weitgehend gegeben. Dies gilt sowohl f√ľr eine zuk√ľnftig zu organisierende europaweite medizinische Versorgung von Notfallpatienten als auch f√ľr die finanzielle Unterst√ľtzung von Mitgliedsl√§ndern zur Bew√§ltigung der √∂konomischen und sozialen Folgen der Pandemie.

Moderation: Ellen von den Driesch

Heike Solga: Corona ‚Äď Bew√§hrungsprobe f√ľr das deutsche Ausbildungssystem

Die enge Kopplung von betrieblicher Ausbildung und Bedarf der Wirtschaft ist in Krisenzeiten immer ein Problem. Wirtschaftliche Unsicherheiten, wenn nicht gar Existenzbedrohungen, seitens der Betriebe und Antizipation der beruflichen Zukunft seitens der Jugendlichen und ihrer Eltern wirken sich negativ auf das Ausbildungssystem aus. In Ihrem Vortrag skizziert Heike Solga die spezifische Problemlage in der Corona-Krise und gibt basierend auf Forschungsbefunden Hinweise f√ľr deren Abmilderung sowie zur Weiterentwicklung des deutschen Ausbildungssystems.

Moderation: Joshua Perleberg

Jens Dangschat: Corona-Pandemie und Mobilität

Nach aktuellen Prognosen wird Deutschland im Jahr 2020 erstmalig die vorgegebenen Schwellenwerte des R√ľckgangs an CO2-Emissionen unterschreiten. Ursache daf√ľr sind aber weder technische Fortschritte noch ver√§nderte Mobilit√§tsstile, sondern der tempor√§re Shutdown von Industrien, Handel, Bildung und sonstigen Dienstleistungen. In seinem Vortag betrachtet Jens Dangschat die Auswirkungen der Corona-Krise auf die aktuelle globale Mobilit√§t und diskutiert welche zuk√ľnftigen Entwicklungen diese f√ľr die Automobilit√§t, die Automatisierung des Verkehrs und den Klimawandel zur Folge haben k√∂nnten. Zudem stellt er sich der Frage, welche Aufgabe der Soziologie bei diesem gesellschaftlichen Ver√§nderungsprozess zukommt.

Moderation: Melinda Erdmann